Derealisation
Kurz gesagt
Derealisation bezeichnet ein dissoziatives Erleben, bei dem die Umgebung als unwirklich, fremd, traumartig oder wie hinter Glas wahrgenommen wird, obwohl Betroffene wissen, dass die Wahrnehmung nicht der Realität entspricht.

Was ist Derealisation?
Bei einer Derealisation fühlt sich die Außenwelt verändert an. Menschen und Dinge wirken flach, künstlich, weit entfernt oder wie auf einer Bühne. Farben, Geräusche oder Zeitempfinden können verändert erscheinen. Entscheidend: Die Betroffenen bleiben sich bewusst, dass es sich um ein Gefühl handelt, die Realitätsprüfung ist erhalten. Das unterscheidet Derealisation von psychotischem Erleben. Eng verwandt ist die Depersonalisation, bei der man sich selbst fremd oder wie neben sich stehend erlebt. Beide treten oft gemeinsam auf. Kurze Episoden kommen bei vielen Menschen vor, etwa bei Stress oder Müdigkeit; als Störung gilt das Erleben, wenn es anhaltend oder wiederkehrend ist und belastet.
Symptome
- Die Umgebung erscheint unwirklich, wie ein Film, hinter Glas oder in Nebel.
- Bekannte Orte oder Menschen wirken fremd oder künstlich.
- Verändertes Zeit- und Raumempfinden, Gegenstände wirken größer, kleiner oder flach.
- Emotionale Taubheit gegenüber der Umgebung.
- Angst, den Verstand zu verlieren, obwohl die Realitätsprüfung intakt ist.
Diagnose und Einordnung
Die Depersonalisations-Derealisationsstörung ist in der ICD-11 unter 6B66 eingeordnet (siehe ICD-11), in der ICD-10-GM unter F48.1 und im DSM-5-TR als Depersonalisations-/Derealisationsstörung. Voraussetzung ist, dass die Symptome anhaltend oder wiederkehrend sind, Leid verursachen und nicht besser durch andere Störungen, Substanzen oder körperliche Erkrankungen zu erklären sind.
| Merkmal | Derealisation | Depersonalisation |
|---|---|---|
| Betrifft | Umwelt | Selbst, Körper, Gefühle |
| Typisches Erleben | „Alles wirkt wie ein Film“ | „Ich bin neben mir“ |
| Realitätsprüfung | erhalten | erhalten |
Ursachen und Auslöser
Derealisation kann Schutzreaktion der Psyche auf Überforderung sein. Häufige Zusammenhänge:
- Schwerer Stress, Angst oder Panikattacken
- Traumatische Erfahrungen und Traumafolgestörungen
- Depressionen
- Schlafmangel, Erschöpfung
- Substanzen wie Cannabis, Halluzinogene oder Ketamin sowie Entzug
- Neurologische Erkrankungen wie Migräne oder Epilepsie
Was hilft?
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Bei Angst, Depression oder Trauma steht deren Behandlung im Vordergrund, meist mit Psychotherapie. Bei der Depersonalisations-Derealisationsstörung gibt es noch wenige gesicherte Therapieverfahren; kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zeigen Wirksamkeit, medikamentöse Behandlungen sind weniger gut untersucht. Hilfreiche Strategien im Moment:
- Sinneswahrnehmung aktivieren: kaltes Wasser, starker Geruch, Gegenstände berühren.
- Fünf Dinge benennen, die man sieht, vier, die man hört usw. (Grounding).
- Langsam atmen und sich im Körper spüren, etwa durch Bewegung.
- Das Erleben als vorübergehend einordnen und nicht dagegen ankämpfen.
Wann professionelle Hilfe?
Hält das Gefühl über Wochen an, tritt es häufig auf oder schränkt den Alltag ein, ist ein Besuch bei Hausarzt, Psychotherapeut oder Psychiater sinnvoll, auch um körperliche Ursachen auszuschließen. Die Terminservicestelle ist unter 116117 erreichbar. Bei plötzlichen neurologischen Ausfällen oder Verwirrtheit gilt der Notruf 112.
Häufigkeit und Verlauf
Vorübergehende Derealisations- und Depersonalisationserlebnisse sind weit verbreitet; Schätzungen gehen davon aus, dass etwa die Hälfte aller Erwachsenen sie einmal im Leben erlebt. Die Störung als Diagnose ist mit etwa einem bis zwei Prozent deutlich seltener. Sie beginnt meist in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter. Der Verlauf ist unterschiedlich: Bei manchen klingen Beschwerden ab, bei anderen bestehen sie über Jahre, mit Schwankungen je nach Stress.
Gedanken, die das Erleben verstärken
- „Etwas stimmt mit meinem Gehirn nicht.“
- „Das geht nie wieder weg.“
- „Ich verliere die Kontrolle.“
Solche Befürchtungen erhöhen Anspannung und Selbstbeobachtung, was die Symptome verstärkt. In der kognitiven Verhaltenstherapie werden diese Gedanken überprüft, und Betroffene lernen, die Aufmerksamkeit von der ständigen Selbstkontrolle auf Aktivitäten und Beziehungen zu lenken. Auch Achtsamkeit und Akzeptanz können helfen.
Abgrenzung zu anderen Erfahrungen
Derealisation ist nicht dasselbe wie ein Déjà-vu, bei dem eine Situation vertraut erscheint, und auch nicht wie ein Alice-im-Wunderland-Syndrom, bei dem Körper und Umgebung in der Größe verändert wahrgenommen werden, meist im Zusammenhang mit Migräne oder Infekten. Bei psychotischen Erkrankungen fehlt dagegen oft die Einsicht, dass das Erleben nicht der Realität entspricht.
Fazit
Derealisation ist ein häufiges dissoziatives Erleben, das meist Ausdruck von Stress ist. Mit Verständnis, Strategien und gegebenenfalls Therapie lässt es sich gut bewältigen.
Häufige Fragen
Was ist Derealisation?
Das Gefühl, dass die Umgebung unwirklich, fremd oder wie hinter Glas erscheint, bei erhaltener Einsicht, dass es nur ein Gefühl ist.
Was ist der Unterschied zur Depersonalisation?
Bei der Derealisation erscheint die Umwelt verändert, bei der Depersonalisation das eigene Selbst oder der Körper.
Ist Derealisation gefährlich?
Sie ist belastend, aber nicht gefährlich. Anhaltende Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden.
Woher kommt Derealisation?
Häufig durch Stress, Angst, Panik, Trauma, Depression, Schlafmangel oder Substanzen; manchmal auch neurologisch.
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11, 6B66 Depersonalisations-Derealisationsstörung. https://icd.who.int/
- Sierra, M. & Berrios, G. E. (1998): Depersonalization: Neurobiological perspectives. Biological Psychiatry, 44(9), 898–908.
- American Psychiatric Association (2022): DSM-5-TR.
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