Panikstörung
Kurz gesagt
Die Panikstörung ist eine Angststörung, bei der wiederholt und unerwartet Panikattacken auftreten, also plötzliche Angstanfälle mit starken Körpersymptomen, und aus Furcht vor weiteren Anfällen das Verhalten verändert wird.

Was ist eine Panikstörung?
Eine Panikattacke ist ein plötzlicher Anfall intensiver Angst, der meist innerhalb weniger Minuten seinen Höhepunkt erreicht und oft mit der Befürchtung einhergeht, zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder „verrückt“ zu werden. Eine Panikstörung liegt vor, wenn solche Attacken wiederholt und ohne klaren Auslöser auftreten und Betroffene danach mindestens einen Monat lang Angst vor weiteren Anfällen haben oder ihr Verhalten ändern, um sie zu vermeiden. Einzelne Panikattacken kommen bei vielen Menschen irgendwann vor und bedeuten noch keine Störung.
Klassifikation: ICD-10-GM F41.0, ICD-11 6B01, DSM-5-TR Panic Disorder. Nach dem DSM betrifft sie etwa zwei bis drei Prozent der Erwachsenen und Jugendlichen innerhalb eines Jahres; Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Sie beginnt meist im frühen Erwachsenenalter.
Symptome einer Panikattacke
| Bereich | Typische Anzeichen |
|---|---|
| Herz und Atmung | Herzrasen, Herzklopfen, Engegefühl in der Brust, Atemnot, Hyperventilation |
| Körperliche Empfindungen | Schwitzen, Zittern, Schwindel, Kribbeln, Übelkeit, Hitze- oder Kältewallungen |
| Wahrnehmung | Gefühl der Unwirklichkeit (Derealisation) oder Losgelöstheit |
| Gedanken | Angst vor Herzinfarkt, Ohnmacht, Kontrollverlust oder Tod |
| Verhalten | Flucht, Suche nach Hilfe, Vermeiden von Orten und Situationen |
Die Symptome sind ungefährlich, auch wenn sie sich bedrohlich anfühlen. Dennoch sollte beim ersten Auftreten von Brustschmerz oder Atemnot ärztlich abgeklärt werden, ob eine körperliche Ursache wie eine Herz- oder Schilddrüsenerkrankung vorliegt.
Der Teufelskreis der Angst
David Clark (1986) beschrieb ein kognitives Modell: Körperliche Empfindungen, die normal sein können (etwa Herzklopfen nach Kaffee oder Treppensteigen), werden als bedrohlich fehlgedeutet. Die Angst verstärkt die Körpersymptome, was die Fehldeutung scheinbar bestätigt, bis eine Panikattacke entsteht. Betroffene beobachten danach ihren Körper genau, vermeiden körperliche Anstrengung und entwickeln Sicherheitsverhalten, wodurch die Überzeugung bestehen bleibt, sie seien gefährdet.
Ursachen und Risikofaktoren
Panikstörungen entstehen aus dem Zusammenspiel von Veranlagung und Lebensumständen. Familienstudien zeigen ein erhöhtes Risiko bei Verwandten Betroffener. Stressreiche Lebensereignisse, Überforderung, Verlusterfahrungen, Substanzkonsum (zum Beispiel Koffein, Cannabis) und Schlafmangel können Anfälle begünstigen. Auf neurobiologischer Ebene werden Veränderungen in Angstnetzwerken des Gehirns diskutiert, an denen die Amygdala beteiligt ist. Eine hohe Angstsensitivität, also die Neigung, Körpersymptome zu fürchten, gilt als Risikofaktor.
Panikattacken im Körper: Was passiert?
Bei Gefahr schaltet der Körper in Alarmbereitschaft: Das sympathische Nervensystem erhöht Herzschlag und Atmung, Stresshormone werden ausgeschüttet, die Muskeln spannen sich an. Bei einer Panikattacke geschieht dies ohne äußere Bedrohung. Die schnelle Atmung (Hyperventilation) senkt das Kohlendioxid im Blut und kann Schwindel, Kribbeln und ein Engegefühl auslösen. Diese Reaktionen sind unangenehm, aber sinnvoll gedacht: Sie bereiten auf Flucht oder Kampf vor. Wer das weiß, kann die Symptome gelassener als Alarmreaktion einordnen.
Häufige Fehlannahmen
| Annahme | Einordnung |
|---|---|
| „Ich bekomme einen Herzinfarkt.“ | Herzrasen bei Panik ist ungefährlich, ein Herzinfarkt hat meist andere Begleitzeichen und tritt eher bei körperlicher Belastung auf. Im Zweifel ärztlich abklären. |
| „Ich werde ohnmächtig.“ | Bei Panik steigt der Blutdruck meist, Ohnmacht ist untypisch. |
| „Ich verliere die Kontrolle oder werde verrückt.“ | Panikattacken führen nicht zu psychotischen Erkrankungen. |
| „Vermeiden schützt mich.“ | Vermeiden verringert kurzfristig die Angst, hält sie aber langfristig aufrecht. |
Panikstörung bei Kindern, Jugendlichen und im Alter
Panikattacken können schon im Jugendalter beginnen. Bei jüngeren Betroffenen werden sie oft als körperliche Beschwerden gedeutet, was die Diagnose verzögert. Im höheren Alter treten Anfälle seltener neu auf; hier müssen körperliche Ursachen wie Herzrhythmusstörungen besonders sorgfältig abgeklärt werden. Die Prinzipien der Behandlung gelten in allen Altersgruppen, wobei Kinder und Jugendliche zusätzlich Eltern und Schule einbeziehen.
Panikstörung und Agoraphobie
Viele Menschen mit Panikstörung entwickeln zusätzlich eine Agoraphobie: die Angst vor Orten oder Situationen, aus denen eine Flucht schwer wäre oder in denen Hilfe nicht verfügbar sein könnte, zum Beispiel Menschenmengen, öffentliche Verkehrsmittel oder Kaufhäuser. Die ICD-11 und das DSM-5-TR beschreiben beide Störungen getrennt, die Diagnosen können aber gemeinsam vergeben werden. Verwandte Angststörungen sind die generalisierte Angststörung mit anhaltender Sorge und die soziale Phobie.
Behandlung
Die S3-Leitlinie zu Angststörungen empfiehlt als Mittel der ersten Wahl kognitive Verhaltenstherapie. Wesentliche Bausteine:
- Aufklärung: Was ist eine Panikattacke, warum ist sie ungefährlich?
- Kognitive Arbeit: Katastrophengedanken hinterfragen
- Interozeptive Exposition: Gezielte Auslösung harmloser Körpersymptome (zum Beispiel Treppensteigen, schnelles Atmen), um zu erleben, dass sie nicht gefährlich sind
- Exposition in vivo: Schrittweise Konfrontation mit gemiedenen Orten
- Abbau von Sicherheitsverhalten
Alternativ oder ergänzend können bestimmte Antidepressiva verordnet werden. Benzodiazepine sind wegen der Abhängigkeitsgefahr höchstens kurzfristig und in Ausnahmefällen angezeigt. Die Entscheidung treffen Fachärztinnen und Fachärzte.
Was bei einer Panikattacke hilft
- Sich daran erinnern: Die Symptome sind unangenehm, aber ungefährlich
- Langsam und tief in den Bauch atmen, mit längerem Ausatmen
- Aufmerksamkeit auf die Umgebung lenken, etwa fünf Dinge benennen, die man sieht
- Nicht fliehen, sondern die Welle abklingen lassen
- Nach dem Anfall ruhig auswerten, was geschehen ist
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Beim ersten Anfall sollten körperliche Ursachen ärztlich abgeklärt werden. Wiederholte Anfälle, Vermeidungsverhalten oder anhaltende Angst vor dem nächsten Anfall sind Gründe für psychotherapeutische Behandlung. Erste Ansprechstelle ist die Hausarztpraxis, Termine bei Psychotherapeuten vermittelt die 116117. Bei Brustschmerz mit Ausstrahlung oder Bewusstseinsverlust gilt der Notruf 112.
Fazit
Die Panikstörung ist eine häufige, gut behandelbare Angststörung. Mit kognitiver Verhaltenstherapie lernen viele Betroffene, ihre Körpersignale richtig zu deuten und gemiedene Situationen zurückzugewinnen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Panikattacke?
In der Regel erreicht sie nach wenigen Minuten ihren Höhepunkt und klingt innerhalb von etwa 10 bis 30 Minuten ab. Subjektiv erscheint sie oft länger.
Kann man an einer Panikattacke sterben?
Nein. Panikattacken sind unangenehm, aber nicht lebensgefährlich. Bei erstmaligen Symptomen sollten körperliche Ursachen dennoch abgeklärt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Panikstörung und Angststörung?
Die Panikstörung ist eine Form der Angststörung mit wiederkehrenden, plötzlichen Anfällen. Bei anderen Formen wie der generalisierten Angststörung steht dauerhafte Sorge im Vordergrund.
Hilft Atmen bei einer Panikattacke?
Ruhiges, langsames Atmen mit längerem Ausatmen kann die Symptome mildern, vor allem wenn Hyperventilation beteiligt ist.
Quellen
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6B01 Panic disorder. https://icd.who.int/
- American Psychiatric Association (2022): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Panic Disorder.
- Clark, D. M. (1986): A cognitive approach to panic. Behaviour Research and Therapy, 24(4), 461–470.
- DGPPN et al.: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (AWMF-Register-Nr. 051-028).
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