Dissoziative Störung
Kurz gesagt
Dissoziative Störungen sind psychische Erkrankungen, bei denen die normale Integration von Bewusstsein, Gedächtnis, Identität oder Wahrnehmung gestört ist, häufig als Reaktion auf überwältigende Belastungen oder Traumata.

Was bedeutet Dissoziation?
Dissoziation (lat. „trennen“) beschreibt eine Abspaltung seelischer Funktionen, die normalerweise zusammenarbeiten: Wahrnehmung, Gedächtnis, Gefühle, Identität und Körpererleben. In milder Form kennen sie viele Menschen, etwa wenn man beim Autofahren „abschaltet“ oder in einem Buch versinkt. Pathologisch wird sie, wenn sie häufig, unkontrollierbar und belastend auftritt. Dissoziative Störungen sind nach ICD-10-GM unter F44 aufgeführt (dissoziative Störungen/Konversionsstörungen), die ICD-11 führt sie unter 6B6 auf, das DSM-5-TR in einem eigenen Kapitel.
Formen dissoziativer Störungen
| Form | Kennzeichen |
|---|---|
| Dissoziative Amnesie | Erinnerungslücken für wichtige persönliche Ereignisse, die über normales Vergessen hinausgehen |
| Dissoziative Fugue | Plötzliches, unerwartetes Weggehen mit Erinnerungslücken (in der ICD-11 als Zusatzmerkmal) |
| Depersonalisation / Derealisation | Gefühl, neben sich zu stehen, bzw. die Umwelt als unwirklich zu erleben |
| Dissoziative Identitätsstörung | Zwei oder mehr unterscheidbare Identitätszustände mit Gedächtnislücken |
| Dissoziative Bewegungs- und Empfindungsstörungen | Lähmungen, Anfälle oder Gefühlsstörungen ohne ausreichende organische Ursache |
Die Symptome sind echt und nicht „eingebildet“ oder gespielt. Sie entstehen unwillkürlich als Schutzreaktion der Psyche.
Symptome im Alltag
- Gefühl von Unwirklichkeit, Nebel oder „hinter Glas“ zu sein,
- Zeitlücken, plötzliches Erwachen an einem anderen Ort,
- Gefühlstaubheit, Körper fühlt sich fremd an,
- Stimmen im Kopf, die jedoch als innere Stimmen und nicht als äußere erlebt werden,
- unerklärliche körperliche Symptome wie Lähmung, Sprachverlust oder nicht-epileptische Anfälle.
Ursachen: Trauma und Stress
Dissoziative Störungen stehen eng im Zusammenhang mit belastenden Erfahrungen, besonders früh in der Kindheit: Misshandlung, Vernachlässigung, Missbrauch oder Gewalt. Kinder können sich körperlich nicht entziehen und tun es psychisch. Auch spätere Traumatisierungen, etwa Krieg, Unfälle oder Gewalt, können Dissoziation auslösen. Dissoziative Symptome treten häufig bei posttraumatischer Belastungsstörung, komplexer PTBS und Borderline-Störung auf. Nicht bei allen Betroffenen findet sich ein Trauma, und nicht jede traumatisierte Person entwickelt Dissoziation. Stress, Schlafmangel und Substanzkonsum können Symptome begünstigen.
Diagnose
Die Diagnose erfordert ausführliche Anamnese und Befragung durch spezialisierte Fachleute. Zuerst werden körperliche Ursachen wie Epilepsie, Hirnerkrankungen oder Medikamentenwirkungen ausgeschlossen. Standardisierte Instrumente wie die Dissociative Experiences Scale (DES) oder das strukturierte Interview SKID-D helfen bei der Einschätzung. Dissoziative Symptome werden häufig übersehen oder mit Psychosen, Borderline-Störung oder Epilepsie verwechselt. Bei einer Psychose werden Stimmen meist als von außen kommend erlebt, bei Dissoziation eher als innere Stimmen.
Behandlung
Die Behandlung folgt meist einem phasenorientierten Vorgehen:
- Stabilisierung und Sicherheit: Erdungsübungen (Skills), Notfallplan, Aufbau von Ressourcen, Schutz vor weiteren Belastungen.
- Traumabearbeitung: Behutsame Verarbeitung belastender Erfahrungen, etwa mit traumafokussierter Verhaltenstherapie oder EMDR, erst wenn genug Stabilität besteht.
- Integration und Neuorientierung: Alltag, Beziehungen und Identität gestalten.
Medikamente heilen die Dissoziation nicht, können aber Begleitsymptome wie Depression oder Schlafstörungen lindern. Die Therapie braucht oft Zeit und Geduld, die Aussichten sind bei früher, spezialisierter Behandlung gut. Für Betroffene sind Selbsthilfe, Skills wie das Anschauen von Gegenständen („5-4-3-2-1-Übung“) und ein verständnisvolles Umfeld hilfreich.
Wann professionelle Hilfe?
Hilfe ist ratsam bei wiederkehrenden Zeitlücken, Gefühlen der Unwirklichkeit, unerklärlichen körperlichen Symptomen oder nach schweren Belastungen. Anlaufstellen sind Hausarzt, Psychotherapeuten mit Traumaschwerpunkt, Psychiatrie oder Traumaambulanzen; Termine vermittelt die 116117.
Dissoziative Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern zeigen sich Dissoziation oft als „Abwesenheit“, plötzliches Erstarren oder stark schwankende Fähigkeiten. Solche Zustände werden leicht als Unaufmerksamkeit, ADHS oder Trotz missverstanden. Wichtig ist, bei auffälliger Zerstreutheit nach belastenden Erfahrungen zu fragen und eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung zu veranlassen. Schutz, Sicherheit und verlässliche Bezugspersonen sind die wichtigste Basis jeder Behandlung.
Umgang für Angehörige
- Ruhig und freundlich bleiben, wenn jemand „weg“ wirkt; mit Namen ansprechen, Gegenwart benennen („Du bist hier, bei mir, es ist Dienstag“).
- Keine Vorwürfe wegen Erinnerungslücken machen.
- Gemeinsam mit der Person Skills überlegen, die sich bewährt haben.
- Eigene Entlastung suchen und Fachberatungsstellen nutzen.
Häufige Missverständnisse
Dissoziative Störungen werden in Filmen oft dramatisiert. In der Realität sind sie meist unauffälliger: Menschen mit Dissoziation versuchen oft, ihre Symptome zu verbergen. Auch die Annahme, Erinnerungen an Trauma seien immer verschüttet und müssten „ausgegraben“ werden, ist nicht haltbar. Therapie stabilisiert zunächst und arbeitet nicht mit Suggestion. Die Debatte um die Zuverlässigkeit von Erinnerungen ist fachlich anspruchsvoll und verlangt sorgfältige Behandlung.
Erdungsübungen im Detail
Skills zur Erdung (Grounding) richten die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart. Beliebt ist die 5-4-3-2-1-Übung: fünf Dinge benennen, die man sieht, vier, die man fühlt, drei, die man hört, zwei, die man riecht, und eins, das man schmeckt. Auch starke Sinnesreize helfen vielen: ein Eiswürfel in der Hand, scharfe Minze, kaltes Wasser im Gesicht oder festes Aufstampfen. Wichtig ist, solche Übungen in ruhigen Zeiten zu trainieren, damit sie in Krisen abrufbar sind. Sie ersetzen keine Psychotherapie, geben aber ein Gefühl von Handlungsfähigkeit.
| Skill | Wirkung |
|---|---|
| Kaltes Wasser, Eiswürfel | starker körperlicher Reiz holt in die Gegenwart |
| Gegenstände benennen | Aufmerksamkeit auf Außenwelt und Orientierung |
| Fußkontakt spüren | Körperwahrnehmung stärken |
| Datum und Ort laut sagen | zeitliche und räumliche Orientierung |
Fazit
Dissoziative Störungen sind ernstzunehmende, aber behandelbare Reaktionen auf überwältigende Erfahrungen. Wer Symptome kennt und früh Hilfe holt, kann lernen, mit Dissoziation umzugehen und die Verbindung zu sich und der Umwelt wieder zu stärken.
Häufige Fragen
Was sind dissoziative Störungen?
Störungen, bei denen Bewusstsein, Gedächtnis, Identität oder Wahrnehmung nicht mehr zusammenhängend funktionieren, oft als Folge von Trauma.
Ist Dissoziation immer krankhaft?
Nein. Leichte Dissoziation, etwa Tagträumen oder Abschalten, kommt bei allen Menschen vor. Krankhaft ist sie, wenn sie häufig, belastend und kaum kontrollierbar auftritt.
Wie wird eine dissoziative Störung behandelt?
Durch Psychotherapie in Phasen: Stabilisierung, Traumabearbeitung und Integration. Medikamente können Begleitsymptome lindern.
Was kann man bei einem dissoziativen Moment tun?
Hilfreich sind Erdungsübungen, etwa kalte Gegenstände halten, Gegenstände benennen oder die Füße bewusst spüren.
Quellen
- World Health Organization: ICD-11, 6B6 Dissoziative Störungen. https://icd.who.int/
- American Psychiatric Association (2022): DSM-5-TR, Dissociative Disorders.
- Sack, M., Sachsse, U. & Schellong, J. (Hrsg.) (2013): Komplexe Traumafolgestörungen. Stuttgart: Schattauer.
- Brand, B. L. et al. (2016): Dissociative disorders: Treatment guidelines of the International Society for the Study of Trauma and Dissociation. Journal of Trauma & Dissociation, 17(5).
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