Dissoziative Identitätsstörung
Kurz gesagt
Die dissoziative Identitätsstörung ist eine schwere dissoziative Erkrankung, bei der zwei oder mehr getrennte Identitätszustände das Handeln einer Person abwechselnd bestimmen und mit Erinnerungslücken für Alltägliches einhergehen.

Was ist eine dissoziative Identitätsstörung?
Bei der dissoziativen Identitätsstörung (DIS), früher „multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt, ist das Erleben von Identität und Selbst in verschiedene Zustände gegliedert. Diese Zustände unterscheiden sich in Erinnerungen, Verhalten, Gefühlen und manchmal Wahrnehmung des eigenen Körpers. Zu bestimmten Zeiten übernimmt ein Zustand die Kontrolle. Betroffene haben dabei Erinnerungslücken, die über normales Vergessen hinausgehen, etwa für Alltagsereignisse, persönliche Informationen oder Handlungen, die sie ausgeführt haben.
Klassifikation: ICD-10-GM F44.81 (multiple Persönlichkeit(sstörung)), ICD-11 6B64 (dissoziative Identitätsstörung), DSM-5-TR: Dissociative Identity Disorder. Sie gehört zu den dissoziativen Störungen, die sich durch den Verlust der normalen Integration von Gedächtnis, Identität, Wahrnehmung und Bewusstsein auszeichnen.
Wie zeigt sich die Störung?
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Identitätszustände | Zwei oder mehr unterscheidbare Selbstzustände mit eigenem Namen, Alter, Eigenschaften oder Umgangsweisen; sie werden oft als „Persönlichkeitsanteile“ bezeichnet |
| Gedächtnislücken | Fehlende Erinnerung an Alltägliches, an wichtige Ereignisse oder an eigene Handlungen |
| Dissoziative Symptome | Gefühl der Unwirklichkeit (Derealisation), Neben-sich-Stehen (Depersonalisation), Stimmen hören im Kopf |
| Begleitende Beschwerden | Depressionen, Angst, Flashbacks, Schlafstörungen, Selbstverletzung, Suizidgedanken, körperliche Beschwerden |
Wichtig: Viele Betroffene verbergen die Symptome aus Scham oder weil sie selbst nicht verstehen, was geschieht. Äußerlich wirken sie häufig unauffällig, was die Diagnose oft um Jahre verzögert. Im Durchschnitt vergehen in Studien viele Jahre bis zur richtigen Diagnose, weil Symptome als Depression, Borderline oder Psychose fehlgedeutet werden.
Ursachen: Trauma und Dissoziation
Die vorherrschende Theorie geht davon aus, dass die DIS eine Folge schwerer und wiederholter Traumatisierung in früher Kindheit ist, meist durch Missbrauch oder Vernachlässigung. Dissoziation kann in dieser Lage als Schutz dienen: Das Kind trennt unerträgliche Erfahrungen vom Bewusstsein ab. Wenn eine Integration dieser Erfahrungen in ein einheitliches Selbst nicht gelingt, bleiben getrennte Zustände bestehen. Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang mit frühen Traumata (zusammengefasst bei Dalenberg et al., 2012), auch wenn nicht alle Betroffenen ein Trauma benennen können. Über Entstehungsmodelle wird fachlich diskutiert: Ein „sozio-kognitives“ Modell vermutet, dass Erwartungen, Medien und Therapieeinfluss Symptome mitprägen können. Fachgesellschaften betonen, dass die Störung real und behandlungsbedürftig ist und dass sorgfältige Diagnostik wichtig ist.
Abgrenzung zu anderen Erkrankungen
| Erkrankung | Unterschied zur DIS |
|---|---|
| Schizophrenie | Psychotische Erkrankung mit Wahn und Halluzinationen; Stimmen werden hier als von außen kommend erlebt, bei DIS meist innerlich |
| Borderline-Störung | Instabile Gefühle und Beziehungen; Identitätsunsicherheit, aber keine abgrenzbaren Identitätszustände mit Amnesie |
| Komplexe PTBS | Traumafolgen mit Störungen der Selbstorganisation; kann gemeinsam mit DIS auftreten |
| Bipolare Störung | Stimmungsepisoden über Tage und Wochen, keine Identitätswechsel |
Medienbild und Missverständnisse
Filme wie „Psycho“ oder „Split“ haben das Bild der „gespaltenen Persönlichkeit“ geprägt, meist als gefährliche Figur. Dieses Bild ist falsch und stigmatisierend. In Wirklichkeit versuchen Menschen mit DIS häufig, ihre Symptome zu verbergen, und leiden still. Auch der Begriff „Persönlichkeitsanteile“ führt manchmal zu der Vorstellung, es lebten mehrere Menschen in einem Körper. Fachlich handelt es sich um Zustände eines einzigen Menschen, dessen Identität nicht integriert ist. Die Romanvorlage „Sybil“ und die darauf beruhende Berichterstattung wurden außerdem später kritisch hinterfragt, weil Therapiemethoden und Suggestion eine Rolle gespielt haben sollen.
Dissoziation als Spektrum
| Erscheinung | Alltagsnähe | Beispiel |
|---|---|---|
| Alltägliche Dissoziation | Sehr häufig, harmlos | In Gedanken versunken Auto fahren, „Autopilot“ |
| Depersonalisation/Derealisation | Kurzzeitig häufig, manchmal anhaltend | Gefühl, neben sich zu stehen oder die Welt wie hinter Glas zu sehen |
| Dissoziative Amnesie | Selten | Erinnerungslücke für belastende Ereignisse |
| Dissoziative Identitätsstörung | Selten, schwer | Getrennte Identitätszustände mit Amnesie |
Dissoziation ist also zunächst ein normaler Schutzmechanismus, der erst bei Häufigkeit, Dauer und Beeinträchtigung zur Störung wird.
Hinweise für Angehörige
Angehörige reagieren oft verunsichert. Hilfreich ist ein respektvoller, ruhiger Umgang: Betroffene ernst nehmen, nicht vom „Spielen“ sprechen, Zustände nicht gegeneinander ausspielen und Absprachen für Krisen treffen. Wichtig ist auch, auf die eigene Belastung zu achten. Angehörigenberatung und Selbsthilfegruppen können unterstützen. Die Verantwortung für die Therapie liegt bei den Fachleuten.
Diagnostik und Behandlung
Die Diagnose wird von erfahrenen Fachleuten in mehreren Gesprächen gestellt, oft mit strukturierten Interviews und Fragebögen zur Dissoziation. Die Behandlung orientiert sich an Leitlinien der Fachgesellschaft für Traumata und Dissoziation (ISSTD 2011) und folgt typischerweise drei Phasen:
- Stabilisierung und Sicherheit: Aufbau von Fertigkeiten zur Gefühlsregulation, Sicherheit im Alltag, Kontakt zu inneren Anteilen, Krisenmanagement.
- Traumabearbeitung: Vorsichtiges Verarbeiten belastender Erinnerungen, wenn die Stabilität ausreicht.
- Integration und Rehabilitation: Zusammenarbeit der Anteile, Alltagsbewältigung, Beziehungsgestaltung.
Psychotherapie ist die Hauptbehandlung, Medikamente können Begleitsymptome wie Depression oder Schlafstörungen lindern. Die Therapie braucht oft mehrere Jahre. Studien deuten darauf hin, dass sich Symptome und Alltag mit passender Behandlung deutlich verbessern können.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Wer unerklärliche Erinnerungslücken, ausgeprägte Entfremdungsgefühle oder innere Stimmen erlebt, sollte sich Hilfe suchen. Erste Anlaufstellen sind Hausarztpraxis, Psychotherapeutinnen mit Traumaschwerpunkt, Traumaambulanzen und psychiatrische Institutsambulanzen. Termine vermittelt die 116117. Bei Suizidgedanken mit konkreter Absicht ist der Notruf 112 zuständig.
Fazit
Die dissoziative Identitätsstörung ist eine seltene, aber reale Erkrankung, die meist mit früher Traumatisierung zusammenhängt. Mit einfühlsamer Diagnostik und spezialisierter, phasenorientierter Psychotherapie können Betroffene Stabilität gewinnen und ihr Leben besser gestalten.
Häufige Fragen
Wie häufig ist die dissoziative Identitätsstörung?
Studien in klinischen und Bevölkerungsstichproben nennen Werte im Bereich von etwa einem Prozent. Die Angaben sind umstritten, weil Diagnose und Erfassung schwierig sind.
Ist DIS dasselbe wie Schizophrenie?
Nein. Schizophrenie ist eine psychotische Erkrankung mit Wahn und Halluzinationen, die DIS eine dissoziative Störung mit getrennten Identitätszuständen und Amnesie.
Sind Menschen mit DIS gefährlich?
Nein. Sie sind nicht häufiger gewalttätig als andere Menschen, erleben aber häufiger selbst Gewalt oder Selbstverletzung.
Kann DIS geheilt werden?
Mit langjähriger, spezialisierter Psychotherapie bessern sich Symptome deutlich, und viele Betroffene führen ein stabileres Leben. Ein Verlauf ohne Rückschläge ist nicht zu erwarten.
Quellen
- World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6B64 Dissociative identity disorder. https://icd.who.int/
- American Psychiatric Association (2022): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Dissociative Disorders.
- International Society for the Study of Trauma and Dissociation (2011): Guidelines for treating dissociative identity disorder in adults, third revision. Journal of Trauma & Dissociation, 12(2), 115–187.
- Dalenberg, C. J. et al. (2012): Evaluation of the evidence for the trauma and fantasy models of dissociation. Psychological Bulletin, 138(3), 550–588.
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