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Psychische Störungen

Somatoforme Störung

aktualisiert am · Redaktion Geistmagazin

Kurz gesagt

Eine somatoforme Störung ist eine psychische Störung, bei der Betroffene anhaltende körperliche Beschwerden erleben, für die sich keine oder keine ausreichende organische Ursache findet, und die erheblichen Leidensdruck verursachen.

Somatoforme Störung – Symbolbild

Was ist eine somatoforme Störung?

Bei somatoformen Störungen stehen körperliche Beschwerden im Vordergrund, etwa Schmerzen, Herzklopfen, Magen-Darm-Probleme, Schwindel oder Erschöpfung, die sich nicht oder nicht vollständig durch eine körperliche Erkrankung erklären lassen. Wichtig ist: Die Beschwerden sind real. Es handelt sich weder um Einbildung noch um Simulation. Das Nervensystem verarbeitet und verstärkt Körperreize, und psychische Faktoren wie Stress, Angst oder Belastungen beeinflussen die Wahrnehmung. Der Begriff „somatoform“ stammt vom griechischen „soma“ für Körper und bedeutet „körperlich erscheinend“.

Klassifikation: ICD-10-GM F45 (somatoforme Störungen) mit Untergruppen wie Somatisierungsstörung (F45.0), hypochondrische Störung (F45.2), somatoforme autonome Funktionsstörung (F45.3) und anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.4). Die ICD-11 führt stattdessen die „Körperliche Belastungsstörung“ (Bodily Distress Disorder, 6C20), das DSM-5-TR die „Somatische Belastungsstörung“ (Somatic Symptom Disorder). Beide neuen Konzepte betonen, dass nicht das Fehlen einer organischen Ursache zählt, sondern das übermäßige Beschäftigen mit den Beschwerden.

Typische Erscheinungsformen

FormTypische Beschwerden
SomatisierungsstörungViele wechselnde Beschwerden an unterschiedlichen Organen über Jahre (Schmerzen, Verdauung, Herz-Kreislauf, Sexualität)
Somatoforme autonome FunktionsstörungBeschwerden, die einem Organsystem zugeordnet werden, zum Beispiel Herz, Magen, Atmung
Anhaltende SchmerzstörungAnhaltender, schwerer Schmerz ohne ausreichende körperliche Erklärung, im Zusammenhang mit emotionalen Belastungen
HypochondrieÜbermäßige Angst vor einer schweren Krankheit

Typisch ist, dass Betroffene viele Ärztinnen und Ärzte aufsuchen, zahlreiche Untersuchungen erhalten und dennoch keine befriedigende Erklärung bekommen. Das kann zu Frustration, Misstrauen und Gefühlen führen, nicht ernst genommen zu werden.

Beispiel: Eine 42-jährige Frau leidet seit Jahren unter Bauchschmerzen, Rückenschmerzen und Herzrasen. Mehrere Untersuchungen blieben unauffällig. Der Alltag ist stark eingeschränkt, sie meidet Treffen und fürchtet, dass „etwas übersehen“ wird. Erst als eine Ärztin ihr erklärt, wie Stress und Körper zusammenhängen, und eine psychosomatische Behandlung vorschlägt, fühlt sie sich erstmals verstanden.

Ursachen und Entstehung

Die Entstehung ist mehrdimensional. Als Faktoren werden diskutiert:

  • Eine erhöhte Körperaufmerksamkeit und die Neigung, Körperempfindungen als bedrohlich zu deuten
  • Frühe Erfahrungen mit Krankheit in der Familie oder körperlichen Beschwerden als Weg, Zuwendung zu erhalten
  • Belastende Lebensereignisse, chronischer Stress, Traumata
  • Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken; seelische Belastung zeigt sich dann im Körper
  • Begleiterkrankungen wie Depression und Angststörungen

Aus Sicht der Neurowissenschaft wird die zentrale Verarbeitung von Körpersignalen erforscht: Das Gehirn kann Schmerz- und Körperreize verstärken, wenn Anspannung hoch ist. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Modelle beschreiben einen Teufelskreis aus Beschwerde, Sorge, Anspannung und Schonverhalten.

Merke: „Ohne organischen Befund“ heißt nicht „ohne Krankheitswert“. Auch körperlich nicht erklärte Beschwerden können schwerwiegend sein, und sie verdienen eine ernsthafte Behandlung.

Häufigkeit und Bedeutung im Gesundheitswesen

Körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung gehören zu den häufigsten Gründen für Arztbesuche. Schätzungen zufolge kommt es bei einem erheblichen Teil der Patientinnen und Patienten in Hausarztpraxen zu solchen Beschwerden, wobei die meisten vorübergehend sind. Die schweren, anhaltenden Formen betreffen einen kleineren Teil. Sie verursachen hohe Kosten durch wiederholte Untersuchungen, Krankschreibungen und Fehlversorgung. Deshalb legen Leitlinien Wert auf frühe Erkennung und abgestimmte Versorgung.

Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

ErkrankungUnterschied zur somatoformen Störung
Körperlich erklärte ErkrankungOrganbefund erklärt die Beschwerden; psychische Faktoren können sie dennoch verstärken
PanikstörungPlötzliche Angstanfälle mit Körpersymptomen; die Angst steht im Vordergrund
DepressionKörperliche Beschwerden können Teil der Depression sein; Stimmung und Antrieb sind zentral
Dissoziative StörungNeurologisch anmutende Ausfälle (zum Beispiel Lähmung, Anfälle) als Folge psychischer Prozesse
Vorgetäuschte StörungBeschwerden werden absichtlich vorgetäuscht; bei somatoformen Störungen besteht keine Absicht

Was Angehörige tun können

Für Angehörige ist es schwer, wenn Untersuchungen nichts finden und die Beschwerden bleiben. Hilfreich ist, die Beschwerden ernst zu nehmen, ohne den Alltag komplett daran auszurichten. Schonhaltung und ständige Rücksicht können die Störung aufrechterhalten. Besser sind gemeinsame Aktivitäten, Ermutigung zu Bewegung und die Unterstützung bei der Suche nach geeigneter Behandlung. Zugleich sollten Angehörige auf ihre eigenen Grenzen achten und sich gegebenenfalls beraten lassen.

Diagnose: Wie geht man vor?

Zunächst sollten körperliche Erkrankungen in angemessenem Umfang abgeklärt werden. Danach hilft ein strukturiertes Gespräch, in dem die Lebenssituation, Belastungen, Gedanken zu den Beschwerden und das Verhalten erfasst werden. Die Leitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ der AWMF empfiehlt eine frühe Mitbehandlung psychischer Faktoren und warnt vor wiederholter Diagnostik ohne neuen Anlass. Eine Diagnose wird gestellt, wenn die Beschwerden mindestens einige Monate bestehen und Alltag oder Befinden deutlich einschränken.

Behandlung

  • Aufklärung (Psychoedukation): Erklärung, wie Stress, Aufmerksamkeit und Körperbeschwerden zusammenhängen
  • Kognitive Verhaltenstherapie: Bearbeiten von Sorgen, Schonverhalten und Katastrophendenken, Aufbau von Aktivität
  • Weitere Psychotherapieverfahren: Tiefenpsychologische und körperorientierte Verfahren, Entspannung, Biofeedback
  • Medikamente: Bei Begleitdepression oder Angst können Antidepressiva helfen; Schmerzmittel sind bei somatoformen Schmerzen oft wenig geeignet
  • Bewegung und Aktivierung: Schrittweiser Aufbau körperlicher Aktivität

Wichtig ist eine vertrauensvolle, feste Beziehung zu einer Hausärztin oder einem Hausarzt, die regelmäßige, nicht beschwerdeabhängige Termine anbietet.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Wer seit Monaten unter Beschwerden leidet, die nicht ausreichend erklärt werden, sollte neben der körperlichen auch eine psychosomatische oder psychotherapeutische Abklärung in Betracht ziehen. Anlaufstellen sind Hausarztpraxen, psychosomatische Ambulanzen, Psychotherapeutinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin. Termine vermittelt die 116117.

Körper und Psyche im Zusammenspiel

Körperliche Beschwerden und seelische Belastung hängen eng zusammen. Anhaltende Anspannung führt zu Muskelverspannungen, veränderter Atmung und gesteigerter Wahrnehmung von Körpersignalen. Umgekehrt belasten dauerhafte Beschwerden die Stimmung und fördern Rückzug. Ein verständliches Erklärungsmodell, das beides verbindet, nimmt Betroffenen häufig die Sorge, ihnen werde nicht geglaubt, und ist ein wichtiger Teil der Behandlung. Ärztliche Begleitung bleibt dabei zentral, um neue Symptome weiterhin ernst zu nehmen und abzuklären.

Fazit

Somatoforme Störungen zeigen, wie eng Körper und Psyche zusammenwirken. Die Beschwerden sind real, auch wenn Untersuchungen unauffällig bleiben. Mit verständnisvoller Aufklärung, Psychotherapie und Aktivierung lässt sich die Lebensqualität oft deutlich verbessern.

Häufige Fragen

Bilden sich Betroffene ihre Beschwerden ein?

Nein. Die Beschwerden werden tatsächlich gespürt. Es fehlt lediglich eine ausreichende organische Ursache, und psychische Faktoren beeinflussen ihre Wahrnehmung.

Wie unterscheiden sich somatoforme Störung und Hypochondrie?

Bei der somatoformen Störung stehen Beschwerden im Vordergrund, bei der Hypochondrie die Angst vor einer bestimmten schweren Krankheit. Beide können zusammen vorkommen.

Welche Rolle spielt Stress?

Stress kann Körperwahrnehmung und Schmerzempfinden verstärken. Anhaltende Anspannung begünstigt Beschwerden, die dann wieder Stress auslösen.

Wie wird die somatoforme Störung heute genannt?

In der ICD-11 heißt sie Körperliche Belastungsstörung (Bodily Distress Disorder), im DSM-5-TR Somatische Belastungsstörung. In der ICD-10 gilt noch F45.

Quellen

  1. World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6C20 Bodily distress disorder. https://icd.who.int/
  2. American Psychiatric Association (2022): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Somatic Symptom and Related Disorders.
  3. AWMF: S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden (AWMF-Register-Nr. 051-001).

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