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Psychische Störungen

Rezidivierende depressive Störung

aktualisiert am · Redaktion Geistmagazin

Kurz gesagt

Die rezidivierende depressive Störung ist eine affektive Erkrankung, bei der wiederholt depressive Episoden auftreten, getrennt durch Phasen weitgehender Beschwerdefreiheit, ohne dass jemals manische Episoden vorgekommen sind.

Rezidivierende depressive Störung – Symbolbild

Was ist eine rezidivierende depressive Störung?

„Rezidivierend“ bedeutet wiederkehrend. Gemeint ist eine Depression, die nicht einmalig auftritt, sondern in mehreren Episoden: Auf eine Phase mit gedrückter Stimmung, Antriebsverlust und weiteren Symptomen folgt eine Zeit, in der es den Betroffenen wieder besser geht, bis eine neue Episode beginnt. Die ICD-10-GM führt sie unter F33; je nach aktuellem Schweregrad wird sie als leichte (F33.0), mittelgradige (F33.1) oder schwere (F33.2/F33.3) Episode kodiert. In der ICD-11 steht sie unter 6A71, das DSM-5-TR spricht von „Major Depressive Disorder, recurrent episode“. Treten zusätzlich manische oder hypomanische Phasen auf, handelt es sich um eine bipolare Störung.

Symptome einer depressiven Episode

KernsymptomeWeitere Symptome
Gedrückte Stimmung über mindestens zwei WochenSchlafstörungen, Appetit- oder Gewichtsveränderungen
Interessen- und FreudverlustKonzentrationsprobleme, Entscheidungsschwierigkeiten
Antriebsmangel, MüdigkeitSchuldgefühle, Gefühl der Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit
Unruhe oder Verlangsamung, körperliche Beschwerden
Gedanken an den Tod oder Suizid

Eine Depression ist mehr als Traurigkeit. Betroffene beschreiben oft eine innere Leere oder Gefühllosigkeit, in der selbst Schönes nicht mehr berührt. Die Beschwerden bestehen nahezu täglich und beeinträchtigen Arbeit, Beziehungen und Selbstfürsorge deutlich.

Merke: Eine einzelne depressive Episode kann ausheilen. Wiederkehrende Episoden sind jedoch häufig, daher ist die Vorbeugung künftiger Episoden ein wichtiger Teil der Behandlung.

Wie häufig sind Rückfälle?

Das Risiko erneuter Episoden ist erheblich: Nach einer ersten depressiven Episode erkrankt etwa die Hälfte der Betroffenen erneut, nach mehreren Episoden steigt das Risiko weiter. Je mehr Episoden, desto höher die Wahrscheinlichkeit weiterer. Risikofaktoren sind unvollständige Remission (Restsymptome), frühe Erkrankung, belastende Lebensereignisse, fehlende soziale Unterstützung, Substanzkonsum und körperliche Erkrankungen. Zahlen aus Studien schwanken je nach Stichprobe.

Ursachen: ein Zusammenspiel

Die Entstehung gilt als multifaktoriell. Genetische Veranlagung erhöht das Risiko, ebenso Veränderungen im Stress- und Botenstoffsystem, etwa der Stressachse (Cortisol) und von Serotonin. Psychologisch spielen negative Denkmuster, Grübeln, geringes Selbstwertgefühl und das Modell der erlernten Hilflosigkeit eine Rolle. Soziale Faktoren wie Verlust, Konflikte, Einsamkeit oder chronischer Stress können Episoden auslösen. Diese Faktoren erklären, warum jede Person ihre eigene Geschichte der Erkrankung hat. Als Vulnerabilitäts-Stress-Modell wird vereinfacht beschrieben: Wer verletzlicher ist, erkrankt bei weniger Belastung.

Beispiel: Ein 38-jähriger Lehrer erlebt mit 25 und mit 32 Jahren jeweils mehrmonatige Depressionen, dazwischen geht es ihm gut. Nach einer Trennung und Überlastung im Beruf stellen sich erneut Schlaflosigkeit, Interessenverlust und Rückzug ein. Er sucht früh Hilfe, weil er die Warnzeichen kennt.

Abgrenzung

Von der Dysthymie, einer chronischen, aber leichteren depressiven Verstimmung, unterscheidet sich die rezidivierende Depression durch klar abgrenzbare Episoden. Bei der Zyklothymie und bipolaren Störungen kommen Hochphasen vor. Auch körperliche Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen, Medikamente oder Substanzmissbrauch müssen ausgeschlossen werden. Mehr zum Oberbegriff im Eintrag affektive Störung; einen Überblick über Erschöpfungszustände gibt Burnout.

Behandlung

Die S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ (Nationale VersorgungsLeitlinie) empfiehlt je nach Schwere:

  • Psychotherapie: vor allem kognitive Verhaltenstherapie und interpersonelle Psychotherapie, bei leichten Formen auch niedrigschwellige Angebote und Selbsthilfe.
  • Antidepressiva: bei mittelgradigen und schweren Episoden, ärztlich verordnet und begleitet. Die Wirkung setzt oft nach einigen Wochen ein.
  • Kombinationsbehandlung aus Medikamenten und Psychotherapie bei schweren und wiederkehrenden Verläufen.
  • Weitere Verfahren: Bewegungstherapie, Lichttherapie bei saisonalem Muster, in schweren Fällen Elektrokrampftherapie oder stationäre Behandlung.
  • Rückfallprophylaxe: Fortführung von Antidepressiva über Monate, bei wiederholten Episoden auch länger, sowie psychotherapeutische Programme, zum Beispiel achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (Achtsamkeit).

Was Betroffene selbst tun können

Hilfreich sind feste Tagesstruktur, Bewegung, regelmäßiger Schlaf, soziale Kontakte und kleine angenehme Aktivitäten, auch wenn die Motivation fehlt. Ein persönlicher Frühwarnplan listet erste Zeichen einer neuen Episode, zum Beispiel veränderter Schlaf, Rückzug oder Grübeln, und legt fest, wen man dann kontaktiert. Alkohol verschlechtert die Symptome. Angehörige können unterstützen, indem sie zuhören, ohne zu bagatellisieren oder zu drängen, und Hilfe ermutigen.

Wann professionelle Hilfe?

Bei mehr als zwei Wochen anhaltender gedrückter Stimmung oder Antriebslosigkeit sollte man Hausärztin, Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen; Termine vermittelt die 116117. Bei Gedanken, das Leben zu beenden, ist sofortige Hilfe wichtig: Notruf 112, ärztlicher Notdienst oder psychiatrische Notaufnahme.

Schweregrade und Verlauf einer Episode

Die Episoden unterscheiden sich in der Schwere. Bei einer leichten Episode sind Betroffene meist noch arbeitsfähig, wenn auch mit Mühe. Bei einer mittelgradigen Episode fällt der Alltag deutlich schwerer, und bei einer schweren Episode sind Arbeit, Haushalt und soziale Kontakte kaum möglich; teils treten psychotische Symptome wie Wahnideen von Schuld oder Verarmung auf. Eine Episode dauert unbehandelt oft mehrere Monate, mit Behandlung meist kürzer. Vollständige Genesung bedeutet nicht nur das Verschwinden der Hauptbeschwerden, sondern auch die Rückkehr zu früherem Funktionsniveau.

SchweregradTypische Auswirkungen
LeichtBeschwerden spürbar, Alltag weitgehend bewältigbar
Mittelgradigdeutliche Einschränkungen in Arbeit und Beziehungen
SchwerAlltagsbewältigung kaum möglich, Risiko für Suizidgedanken erhöht

Besondere Verlaufsformen

Manche Menschen erleben depressive Episoden saisonal, meist im Herbst und Winter. Andere zeigen eine „atypische“ Depression mit gesteigertem Schlafbedürfnis und Appetit. Bei einer Depression nach der Geburt eines Kindes spricht man von postpartaler Depression, bei der frühzeitige Hilfe besonders wichtig ist. Auch im Alter tritt Depression auf und wird leicht als Demenz oder „normale Altersmüdigkeit“ missverstanden.

Mythen über Depression

  • „Reiß dich zusammen.“ Depression ist keine Willensschwäche, sondern eine behandelbare Erkrankung.
  • „Antidepressiva machen abhängig.“ Sie verursachen keine Sucht im klassischen Sinn, sollten aber nicht ohne ärztliche Begleitung abgesetzt werden.
  • „Depression kommt immer von äußeren Ursachen.“ Episoden können auch ohne erkennbaren Auslöser auftreten.

Fazit

Die rezidivierende depressive Störung verläuft in Episoden, ist aber gut behandelbar. Frühe Hilfe, passende Therapie und konsequente Rückfallvorbeugung verbessern die Aussichten, dass Betroffene lange stabil bleiben.

Häufige Fragen

Was bedeutet rezidivierende depressive Störung?

Eine Depression, die in mehreren Episoden wiederkehrt, mit beschwerdefreien oder beschwerdearmen Phasen dazwischen und ohne manische Episoden.

Wie wird die rezidivierende Depression behandelt?

Mit Psychotherapie und je nach Schwere mit Antidepressiva, außerdem mit Maßnahmen zur Rückfallvorbeugung. Die Behandlung wird ärztlich und psychotherapeutisch begleitet.

Wie hoch ist das Rückfallrisiko?

Nach einer ersten Episode erkrankt etwa die Hälfte erneut, nach weiteren Episoden steigt das Risiko. Vorbeugung ist deshalb wichtig.

Was ist der Unterschied zur bipolaren Störung?

Bei der bipolaren Störung treten zusätzlich manische oder hypomanische Phasen auf, bei der rezidivierenden Depression nicht.

Quellen

  1. Bundesärztekammer, KBV, AWMF (Hrsg.): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung. AWMF-Register Nr. nvl-005.
  2. World Health Organization: ICD-11, 6A71 Rezidivierende depressive Störung. https://icd.who.int/
  3. American Psychiatric Association (2022): DSM-5-TR, Major Depressive Disorder.
  4. Beck, A. T. (1967): Depression: Clinical, Experimental, and Theoretical Aspects. New York: Harper & Row.

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