Interpersonelle Psychotherapie
Kurz gesagt
Die interpersonelle Psychotherapie (IPT) ist ein zeitlich begrenztes, strukturiertes Verfahren, das psychische Störungen, vor allem Depressionen, im Zusammenhang mit aktuellen zwischenmenschlichen Beziehungen und Lebensereignissen behandelt.

Was ist interpersonelle Psychotherapie?
Die interpersonelle Psychotherapie, kurz IPT, wurde in den 1970er-Jahren in den USA von Gerald Klerman und Myrna Weissman für die Behandlung der Depression entwickelt. Sie geht davon aus, dass psychische Beschwerden und zwischenmenschliche Beziehungen sich wechselseitig beeinflussen: Eine Depression belastet Beziehungen, und Beziehungsprobleme können eine Depression auslösen oder aufrechterhalten. Die Therapie konzentriert sich deshalb auf das Hier und Jetzt und nicht auf die ferne Vergangenheit. Sie ist kurz, strukturiert und gut untersucht, in Deutschland jedoch kein Richtlinienverfahren der gesetzlichen Krankenversicherung, sondern wird als Methode im Rahmen anderer Verfahren oder in Kliniken angewendet.
Die vier Problembereiche
| Bereich | Inhalt | Typisches Ziel |
|---|---|---|
| Trauer | Verlust einer nahestehenden Person | Trauer zulassen, neue Beziehungen und Interessen aufbauen |
| Rollenwechsel | Lebensveränderungen wie Trennung, Elternschaft, Jobverlust, Krankheit | Alte Rolle verabschieden, neue Rolle gestalten |
| Interpersonelle Konflikte | Streit oder Missverständnisse mit Partner, Familie, Kollegen | Erwartungen klären, Kommunikation verbessern |
| Interpersonelle Defizite | Einsamkeit, geringe soziale Kontakte | Beziehungen aufbauen und pflegen |
In der Therapie wird gemeinsam ein Bereich als Schwerpunkt ausgewählt, der zum aktuellen Beschwerdebild am besten passt.
Wie läuft die Behandlung ab?
Die klassische IPT umfasst etwa 12 bis 16 wöchentliche Sitzungen und gliedert sich in drei Phasen. In der Anfangsphase werden Symptome erfasst, die Erkrankung erklärt und ein „interpersonelles Inventar“ der wichtigen Beziehungen erstellt. In der mittleren Phase arbeiten Therapeut und Patient am gewählten Problembereich, zum Beispiel durch Rollenspiele, Analyse von Gesprächen und Planung von Schritten. In der Abschlussphase werden Fortschritte besprochen, Rückfallrisiken erörtert und der Abschied von der Therapie gestaltet. Anders als in der Verhaltenstherapie stehen weniger Hausaufgaben im Vordergrund, anders als in der Psychoanalyse weniger Kindheitsdeutungen.
Wirksamkeit und Anwendungsgebiete
Studien belegen die Wirksamkeit der IPT bei Depressionen im Erwachsenenalter; sie wirkt vergleichbar mit anderen etablierten Psychotherapien und kann Rückfälle verringern (Cuijpers et al., 2011). Weitere Anwendungen sind postpartale Depression, Depression bei Jugendlichen, Dysthymie (anhaltende depressive Störung), Essstörungen wie Bulimie und Binge-Eating sowie Angststörungen. Es gibt Varianten für Gruppen und Jugendliche sowie die IPSRT (Interpersonelle und soziale Rhythmustherapie) für bipolare Störungen.
Grenzen und Kritik
IPT eignet sich weniger bei tiefgreifenden Persönlichkeitsproblemen, die mehr Zeit erfordern, oder bei Störungen ohne klaren Beziehungsbezug. Auch die Verfügbarkeit ist in Deutschland begrenzt, weil nur wenige Therapeuten gezielt dafür weitergebildet sind. Bei schweren Depressionen wird sie häufig mit Medikamenten kombiniert; Entscheidungen darüber trifft eine Ärztin oder ein Arzt.
Wann professionelle Hilfe?
Anhaltende gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebslosigkeit über zwei Wochen sind ein Grund, den Hausarzt, einen Psychotherapeuten oder Psychiater aufzusuchen. Die Terminservicestelle ist unter 116117 erreichbar.
Die Rolle der Therapeutin oder des Therapeuten
In der IPT nimmt die Therapeutin eine unterstützende, aktive und nicht wertende Haltung ein. Sie erklärt, dass Depression eine behandelbare Erkrankung ist, und übernimmt damit den „Krankenrolle“-Ansatz: Betroffene sind nicht schuld an ihren Beschwerden, sollen aber aktiv an der Besserung mitwirken. Die Therapeutin hilft, Gefühle zu benennen, Kommunikationsmuster zu erkennen und alternative Handlungsmöglichkeiten zu üben. Zwischen den Sitzungen werden kleine Schritte im Alltag erprobt, etwa ein klärendes Gespräch zu führen oder alte Kontakte wieder aufzunehmen.
Abgrenzung zu anderen kurzen Therapien
Im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie, die Denkmuster und Verhalten prüft, liegt der Fokus der IPT auf Beziehungen. Beide Verfahren sind strukturiert und zeitlich begrenzt und zeigen bei Depression ähnliche Effekte. Welche Methode passt, hängt davon ab, ob die Probleme eher durch Denkmuster oder durch Beziehungs- und Lebensereignisse geprägt sind.
- Verhaltenstherapie: Gedanken und Verhalten verändern.
- IPT: Beziehungen und Rollen klären.
- Psychodynamische Therapie: Unbewusste Konflikte verstehen.
Die Arbeit an Beziehungen wirkt oft auch über die Therapie hinaus, weil soziale Unterstützung ein bekannter Schutzfaktor gegen Rückfälle ist. Wer lernt, Bedürfnisse klar auszudrücken, verbessert häufig nicht nur eine einzelne Beziehung, sondern sein soziales Netz insgesamt.
Fazit
Die interpersonelle Psychotherapie ist ein kurzes, praxisnahes Verfahren, das Beziehungen als Ansatzpunkt nutzt. Bei Depressionen ist ihre Wirksamkeit gut belegt.
Häufige Fragen
Wofür wird IPT eingesetzt?
Vor allem bei Depressionen, außerdem bei Essstörungen, Angststörungen und postpartalen Depressionen.
Wie lange dauert eine IPT?
Meist 12 bis 16 wöchentliche Sitzungen in drei Phasen: Anfangs-, Mittel- und Abschlussphase.
Zahlt die Krankenkasse IPT?
IPT ist kein eigenes Richtlinienverfahren. Sie wird aber als Methode im Rahmen anderer Therapien oder in Kliniken angeboten.
Wer hat die IPT entwickelt?
Gerald Klerman und Myrna Weissman in den 1970er-Jahren in den USA.
Quellen
- Klerman, G. L., Weissman, M. M., Rounsaville, B. J. & Chevron, E. S. (1984): Interpersonal Psychotherapy of Depression. New York: Basic Books.
- Cuijpers, P. et al. (2011): Interpersonal psychotherapy for depression: A meta-analysis. American Journal of Psychiatry, 168(6), 581–592.
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