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Phobien

Trypophobie

aktualisiert am · Redaktion Geistmagazin

Kurz gesagt

Trypophobie bezeichnet die Angst oder den Ekel beim Anblick dicht gedrängter Löcher oder Lochmuster, etwa bei Lotuskapseln oder Schwämmen; sie ist keine offizielle Diagnose, sondern ein in der Forschung beschriebenes Phänomen.

Trypophobie – Symbolbild

Was ist Trypophobie?

Der Begriff Trypophobie („Angst vor Löchern“, von griechisch trypa = Loch) entstand um 2005 in Internetforen. Gemeint ist ein starkes Unbehagen, Ekel oder Angst beim Betrachten von Gruppen kleiner, eng beieinanderliegender Löcher oder Beulen, zum Beispiel bei Lotuskapseln, Bienenwaben, Korallen, Schwämmen, Erdbeeren oder Seifenblasen. Viele Menschen beschreiben Gänsehaut, Juckreiz, Übelkeit oder das Bedürfnis, wegzuschauen. In der ICD-11 und im DSM-5-TR ist Trypophobie nicht als eigene Störung enthalten. Fachleute sprechen eher von einer visuellen Aversion oder einer Ekelreaktion, die bei einem Teil der Menschen stark ausgeprägt ist.

Wie häufig ist das Phänomen?

Befragungen deuten darauf hin, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung bei entsprechenden Bildern Unbehagen empfindet. In einer britischen Studie berichtete etwa jede sechste Person von deutlichem Unwohlsein beim Betrachten von Lochmustern (Cole & Wilkins, 2013). Die Zahlen schwanken je nach Fragestellung. Das bedeutet nicht, dass alle diese Menschen eine behandlungsbedürftige Phobie haben.

ReaktionHäufigkeit unter Betroffenen (qualitativ)
Ekel, Unbehagensehr häufig
Gänsehaut, Juckreizhäufig
Übelkeit, Schwindelseltener
Panik, Vermeidung im Alltagselten

Erklärungsansätze

Warum Lochmuster abstoßend wirken, ist nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden:

  • Visuelle Eigenschaften: Geoff Cole und Arnold Wilkins stellten 2013 fest, dass die betreffenden Bilder bestimmte Kontrastmuster mit hoher Energie in mittleren Raumfrequenzen aufweisen, die für das visuelle System unangenehm sind. Ähnliche Muster zeigen sich in manchen giftigen Tieren, etwa Tintenfischen mit Ringmustern oder Schlangen.
  • Evolutionäre Hypothese: Das Unbehagen könnte eine Schutzreaktion sein, die Gefahr durch Gift oder Krankheit vermeiden hilft; auch Hautkrankheiten und Parasiten zeigen oft Lochmuster.
  • Ekel- und Lernansätze: Lochmuster erinnern an Infektionen oder Fäulnis; die Reaktion kann durch Erfahrung und Vorstellung verstärkt werden.
  • Soziale Ansteckung: Bilder im Internet und Berichte anderer können Reaktionen verstärken.
Merke: Die Reaktion ist weit verbreitet und meist harmlos. Ob man sie als Phobie bezeichnen sollte, ist in der Forschung umstritten, denn oft steht Ekel und nicht Furcht im Vordergrund.

Trypophobie und Angststörungen

Eine Phobie im klinischen Sinn verlangt Vermeidung und deutliche Beeinträchtigung. Bei Trypophobie ist das nur in Einzelfällen der Fall. Bei einigen Betroffenen bestehen gleichzeitig Angststörungen, Depressionen oder soziale Ängste. Eine Studie fand Zusammenhänge zwischen starker Trypophobie und depressiven sowie generalisierten Angstsymptomen. Das heißt nicht, dass Trypophobie diese Erkrankungen verursacht. Zur Abgrenzung dienen Fragen: Wie stark leidet die Person? Wie viel vermeidet sie? Beeinträchtigt es den Alltag?

Beispiel: Beim Anblick einer Lotusblumen-Samenkapsel auf einem Foto bekommt jemand eine Gänsehaut und blättert weiter. Nach einigen Minuten ist das Gefühl vorbei. Stört es im Alltag nicht, besteht keinerlei Behandlungsbedarf.

Was kann helfen?

Bei leichter Ausprägung genügt es oft, die Auslöser zu vermeiden oder bewusst zu betrachten. Wer behandelt werden möchte, kann auf bewährte Verfahren der Verhaltenstherapie zurückgreifen: schrittweise Konfrontation mit den Bildern in kontrollierten Dosen, gekoppelt mit Entspannung und Aufmerksamkeitslenkung (Exposition). Wichtig ist, die Angst nicht zu bekämpfen, sondern zu beobachten, bis sie abnimmt. Hilfreich ist zudem das Verständnis, dass es sich um eine verbreitete Reaktion handelt.

  • Bilder gezielt in einer ruhigen Situation betrachten, kurz beginnen und steigern.
  • Atem und Körperwahrnehmung beachten, Anspannung lösen.
  • Gedanken prüfen („Ich werde das nicht aushalten“) und realistischer formulieren.
  • Soziale Medien mit entsprechenden Inhalten dosieren.

Wann professionelle Hilfe?

Wenn Ekel oder Angst erheblich leiden lassen, Berufs- oder Alltagsaktivitäten eingeschränkt sind oder begleitende Ängste und Depressionen bestehen, kann eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut helfen. Bei Hautsymptomen sollte ärztlich geklärt werden, ob eine Hauterkrankung vorliegt. Termine vermittelt die 116117.

Trypophobie im Internet: Hype und Wirklichkeit

Das Phänomen wurde durch soziale Medien, Videos und Horrorfilme bekannt. Viele Beiträge sind darauf ausgelegt, Ekel zu erzeugen, und animieren zu „Mutproben“. Dadurch wird das Thema oft überzeichnet. Wer die Bilder nicht mag, hat deshalb keine Störung. Gleichzeitig kann die Internetkultur Menschen mit starker Reaktion verunsichern, weil Inhalte unerwartet auftauchen. Hilfreich sind Inhaltsfilter, die Auswahl der Quellen und die Möglichkeit, Beiträge zu melden oder auszublenden.

Trypophobie und Hauterkrankungen

Viele Betroffene berichten von Juckreiz oder Hautkribbeln beim Anschauen von Bildern. Das erklärt sich teilweise durch die Verbindung zu Ekel und Krankheitsvermeidung: Das Gehirn bereitet den Körper auf mögliche Parasiten oder Hautinfektionen vor. In seltenen Fällen entwickeln sich zusätzlich Sorgen, die eigene Haut sei befallen. Bestehen reale Hautveränderungen, sollte dies dermatologisch geklärt werden, damit die Angst nicht zu Selbstverletzung durch Kratzen führt.

AuslösertypBeispiel
Natürliche MusterLotuskapseln, Waben, Korallen
LebensmittelErdbeeren, Luftschokolade, Brot mit Poren
HautbilderAufgetriebene Haut, Poren, Wunden
Künstliche MusterPerforierte Oberflächen, Schwämme

Forschungsstand und offene Fragen

Die wissenschaftliche Untersuchung der Trypophobie steht noch am Anfang. Die meisten Studien arbeiten mit Fragebögen und Bildreaktionen bei jungen Erwachsenen, oft Studierenden, sodass Aussagen über die Gesamtbevölkerung nur begrenzt möglich sind. Offen ist, ob die Reaktion eher mit Angst oder mit Ekel zusammenhängt: Manche Studien betonen Ekel und Ansteckungsvermeidung, andere finden körperliche Angstreaktionen wie eine Erweiterung der Pupillen. Ebenfalls ungeklärt ist, ob es sich um eine erlernte oder angeborene Reaktion handelt und weshalb manche Menschen sie stärker erleben. Für eine eigene Diagnose fehlen bisher klare Kriterien und Langzeitdaten. Bis dahin gilt Trypophobie als interessantes Beispiel dafür, wie Wahrnehmung, Emotion und Kultur zusammenspielen, und weniger als gesicherte Erkrankung.

Für Betroffene ist wichtig zu wissen, dass sie mit dem Phänomen nicht allein sind und dass es sich in den allermeisten Fällen im Rahmen normaler Variationen menschlichen Erlebens bewegt.

Weiterführende Informationen zu Angststörungen und deren Behandlung finden sich im Beitrag zur Phobie sowie zur Verhaltenstherapie.

Fazit

Trypophobie ist ein verbreitetes Unbehagen gegenüber Lochmustern, das wissenschaftlich noch nicht abschließend erklärt ist. Meist ist es harmlos; bei starkem Leidensdruck helfen verhaltenstherapeutische Methoden.

Häufige Fragen

Ist Trypophobie eine anerkannte Phobie?

Nein. Sie ist weder in der ICD-11 noch im DSM-5-TR enthalten und wird eher als Ekel- oder Aversionsreaktion beschrieben.

Warum haben manche Menschen Angst vor Löchern?

Diskutiert werden bestimmte visuelle Muster, die das Gehirn belasten, eine evolutionäre Warnreaktion vor Gift und Krankheit sowie erlernte Ekelreaktionen.

Wie häufig ist Trypophobie?

Eine britische Studie fand bei etwa 16 Prozent der Befragten deutliches Unbehagen. Die Zahl hängt von der Fragestellung ab.

Kann man Trypophobie behandeln?

Ja, bei Leidensdruck mit Expositionsübungen im Rahmen der Verhaltenstherapie. Viele Menschen kommen auch ohne Behandlung gut zurecht.

Quellen

  1. Cole, G. G. & Wilkins, A. J. (2013): Fear of holes. Psychological Science, 24(10), 1980–1985.
  2. Kupfer, T. R. & Le, A. T. D. (2018): Disgusting clusters: Trypophobia as an overgeneralised disease avoidance response. Cognition and Emotion, 32(4), 729–741.
  3. Bandelow, B. et al.: S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. AWMF-Register Nr. 051-028.

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