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Syndrome

Stockholm-Syndrom

aktualisiert am · Redaktion Geistmagazin

Kurz gesagt

Das Stockholm-Syndrom bezeichnet das Phänomen, dass Geiseln oder Opfer eine emotionale Bindung zu ihren Täterinnen oder Tätern entwickeln, ist aber keine anerkannte Diagnose in ICD-11 oder DSM-5-TR.

Stockholm-Syndrom – Symbolbild

Was ist das Stockholm-Syndrom?

Das Stockholm-Syndrom beschreibt ein paradoxes Phänomen: Menschen, die in Gefangenschaft oder unter Bedrohung stehen, entwickeln positive Gefühle für ihre Peiniger, empfinden Sympathie oder verteidigen sie sogar. Zugleich bringen sie Misstrauen oder Ablehnung gegenüber Polizei oder Rettungskräften zum Ausdruck. Der Begriff ist weit verbreitet, aber wissenschaftlich umstritten. Er ist weder in der ICD-11 noch im DSM-5-TR als Diagnose enthalten und gilt in der Fachwelt als Beschreibung einer Reaktion, nicht als Krankheit.

Herkunft des Begriffs

Der Name geht auf einen Banküberfall im Stockholmer Stadtteil Norrmalmstorg im August 1973 zurück. Zwei Täter hielten vier Bankangestellte sechs Tage lang als Geiseln. Nach der Befreiung verteidigten einige Geiseln die Täter, weigerten sich, gegen sie auszusagen, und hatten teilweise Kontakt zu ihnen. Der Kriminologe und Psychiater Nils Bejerot prägte danach den Begriff „Norrmalmstorgssyndromet“; der amerikanische Psychiater Frank Ochberg und andere führten ihn weiter in die internationale Fachsprache ein. Die Geschichte hat etwas Spektakuläres, doch viele Details der Berichte wurden später kritisch betrachtet.

Beispiel: Eine Geisel dankt dem Täter, weil er sie nicht verletzt und ihr Wasser gegeben hat, und fürchtet die Befreiungsaktion mehr als die Gefangenschaft. Diese Wahrnehmung folgt einer inneren Logik: Wer ganz von jemandem abhängt, achtet auf jede Freundlichkeit.

Typische Merkmale

BedingungBedeutung
Lebensbedrohung und OhnmachtDas Opfer erlebt akute Gefahr und kann sich nicht befreien.
Kleine FreundlichkeitenDer Täter zeigt gelegentlich Fürsorge, die als überlebenswichtig gedeutet wird.
IsolationKontakt zur Außenwelt fehlt, die Sichtweise des Täters dominiert.
Wahrgenommene AusweglosigkeitEs scheint keine Möglichkeit zur Flucht zu geben.

Der FBI-Psychologe Thomas Strentz beschrieb in den 1980er-Jahren diese Faktoren als Bedingungen, unter denen sich eine solche Bindung entwickeln kann. Sie gelten als Beschreibung, nicht als gesicherte Gesetzmäßigkeit.

Wie lässt sich das erklären?

Es gibt mehrere psychologische Erklärungsansätze, die einander ergänzen:

  • Überlebensstrategie: Wer ohnehin ausgeliefert ist, schützt sich, indem er den Täter nicht reizt, sich anpasst und Wohlwollen sucht. Aus Anpassung wird mit der Zeit echte Identifikation.
  • Bindungsbedürfnis: In extremer Angst sucht der Mensch nach Schutz. Wenn der Täter zugleich Bedrohung und einzige Quelle von Sicherheit ist, kann sich eine Bindung bilden, siehe Bindungstheorie.
  • Kognitive Dissonanz: Es fällt leichter, Täter positiv zu sehen, als sich dauerhaft zu hassen und doch auf sie angewiesen zu sein; mehr dazu bei kognitive Dissonanz.
  • Dissoziation und Verdrängung: Bedrohung wird ausgeblendet, um das Erleben auszuhalten.

Kritik: Wie belastbar ist das Konzept?

Die Wissenschaft sieht den Begriff zunehmend kritisch. Die Forschungslage ist dünn, Fallberichte sind schwer zu verallgemeinern. Studien zu Geiselnahmen zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Betroffenen entsprechende Bindungen entwickelt. Journalistisch wurde das Syndrom bekannt gemacht, ohne dass es klar definiert wurde. Außerdem wird kritisiert, dass der Begriff Opfer pathologisiert und ihr Verhalten als irrational erscheinen lässt, obwohl es unter Bedrohung eine nachvollziehbare Überlebensreaktion sein kann. Auch bei Entführungsfällen wird er oft vorschnell verwendet und kann dazu führen, dass Betroffenen Glaubwürdigkeit abgesprochen wird.

Merke: Das Stockholm-Syndrom ist keine Diagnose, sondern ein Erklärungsbegriff für eine Überlebensreaktion. Wer ihn benutzt, sollte betroffenen Menschen nicht ihre Urteilsfähigkeit absprechen.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

Im Alltag wird „Stockholm-Syndrom“ auch für Beziehungen verwendet, in denen jemand trotz Misshandlung am Partner festhält. Fachlich passender ist hier meist Trauma Bonding, also die Bindung durch Wechsel von Misshandlung und Zuwendung. Auch Kontrollmuster wie Gaslighting können solche Dynamiken verstärken. Verwandt ist außerdem die Identifikation mit dem Aggressor, ein Abwehrmechanismus, den die Psychoanalyse beschreibt (siehe Abwehrmechanismen). Das „Lima-Syndrom“ meint dagegen den umgekehrten Fall, dass Täter Mitgefühl für ihre Geiseln entwickeln.

Folgen und Verarbeitung

Menschen nach Geiselnahme, Entführung oder lang andauernder Gewalt leiden häufig unter Traumafolgen wie Albträumen, Schreckhaftigkeit, Scham und Schuldgefühlen. Hier kommen die posttraumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörungen in Betracht. Gefühle der Verbundenheit mit dem Täter sind nach der Befreiung oft verwirrend und mit Scham besetzt. Traumafokussierte Psychotherapie hilft, diese Ambivalenz einzuordnen, ohne Betroffene zu beschuldigen.

Wann professionelle Hilfe?

Wer nach Bedrohung, Gefangenschaft oder gewalttätigen Beziehungen unter anhaltenden Ängsten, Schlafproblemen oder widersprüchlichen Gefühlen gegenüber dem Täter leidet, kann sich an Hausarzt, Traumaambulanzen, Psychotherapeuten (Terminservice 116117) oder Opferberatungsstellen wenden. Bei Gewalt in Beziehungen berät das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016.

Das Stockholm-Syndrom in Medien und Kultur

Das Stockholm-Syndrom ist ein Lieblingsmotiv von Filmen, Serien und Büchern. Berühmt wurde der Fall der Heiress Patty Hearst, die 1974 von einer Gruppe entführt wurde und sich ihr später anschloss; auch hier wird diskutiert, ob Zwang, Indoktrination oder freie Entscheidung dahinterstanden. In Erzählungen wie „Die Schöne und das Biest“ wird das Motiv oft romantisiert. Solche Darstellungen verzerren, denn sie erwecken den Eindruck, Bindung an Täter sei Liebe. Tatsächlich ist sie meist eine Folge von Angst, Abhängigkeit und Kontrolle.

Verwandte Reaktionen bei Gewalt und Missbrauch

Ähnliche Muster werden bei Kindesmissbrauch, in Sekten und in gewalttätigen Beziehungen beschrieben. Kinder sind auf Bezugspersonen angewiesen und halten selbst an misshandelnden Eltern fest, weil Bindung überlebenswichtig ist. Auch hier erklärt die Bindungsforschung, dass das Bindungssystem aktiviert wird, wenn Gefahr droht, selbst wenn die Gefahr von der Bindungsperson ausgeht. Dieses Dilemma („Angst ohne Ausweg“) wird in der Traumaforschung als wesentlicher Faktor für spätere Beziehungsprobleme gesehen.

Was Angehörige und Helfende beachten sollten

  • Verständnis zeigen, statt zu urteilen: Die Bindung ist eine Schutzreaktion.
  • Keine Vorwürfe wegen verteidigender Äußerungen gegenüber dem Täter machen.
  • Sicherheit herstellen, bevor Verarbeitung beginnt.
  • Geduld mitbringen: Gefühle von Zuneigung und Wut können gleichzeitig bestehen.

Was Studien tatsächlich zeigen

Auswertungen von Geiselnahmen, unter anderem durch das FBI, ergaben, dass nur in einem kleinen Teil der Fälle Anzeichen positiver Gefühle gegenüber den Tätern auftraten. Genaue Prozentzahlen sind methodisch unsicher, weil die Fälle selten, die Kriterien uneinheitlich und die Berichte oft rückblickend sind. Das bedeutet: Die Mehrheit der Geiseln entwickelt keine solche Bindung. Zudem lässt sich schwer unterscheiden, ob jemand echte Zuneigung empfindet oder aus Vorsicht kooperiert. Genau diese Unterscheidung ist für Außenstehende kaum möglich und sollte nicht vorschnell getroffen werden.

Verhandlungsführer der Polizei nutzen das Wissen, dass Kontakt und Gespräche zwischen Tätern und Geiseln Bindungen entstehen lassen können, auch indem sie bewusst Gespräche über persönliche Dinge anregen. Das senkt die Wahrscheinlichkeit von Gewalt. Es zeigt, dass der Begriff auch praktische Bedeutung hat, ohne dass er als Diagnose gelten muss.

Warum der Begriff trotzdem nützlich bleibt

Trotz der Kritik hilft der Begriff, ein scheinbar unlogisches Verhalten zu verstehen. Außenstehende fragen oft: „Warum geht sie nicht einfach?“ oder „Warum nimmt er den Täter in Schutz?“ Die Antwort liegt in der Überlebenslogik: Wer von jemandem abhängig ist, sucht dessen Wohlwollen. Dieses Verständnis kann Vorwürfe gegenüber Betroffenen verringern und Hilfsangebote besser auf ihre Lage abstimmen.

In der Praxis der Krisenintervention gilt deshalb: Verhalten von Geiseln und Opfern nicht an einem Etikett messen, sondern nach Sicherheit, Schutz und Stabilisierung fragen. Eine Aussage zugunsten des Täters kann taktisch, aus Angst oder aus echter Bindung entstehen, und oft wirken alle drei Motive zugleich.

Fazit

Das Stockholm-Syndrom beschreibt, wie Menschen in Extremsituationen Bindungen zu Bedrohern entwickeln können. Der Begriff ist populär, wissenschaftlich aber umstritten. Hilfreicher als ein Etikett ist das Verständnis der dahinterliegenden Überlebensmechanismen.

Häufige Fragen

Ist das Stockholm-Syndrom eine anerkannte Diagnose?

Nein. Es steht weder in der ICD-11 noch im DSM-5-TR und gilt als beschreibender, wissenschaftlich umstrittener Begriff.

Wie häufig tritt das Stockholm-Syndrom auf?

Selten. Studien zu Geiselnahmen deuten darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der Betroffenen eine positive Bindung zum Täter entwickelt.

Woher kommt der Name Stockholm-Syndrom?

Vom Banküberfall in Stockholm 1973, bei dem Geiseln nach sechs Tagen Täter verteidigten.

Was ist der Unterschied zu Trauma Bonding?

Trauma Bonding beschreibt die Bindung durch den Wechsel aus Misshandlung und Zuwendung, vor allem in Beziehungen. Das Stockholm-Syndrom bezieht sich ursprünglich auf Geiselnahmen.

Quellen

  1. Strentz, T. (1980): The Stockholm syndrome: Law enforcement policy and hostage behavior. Annals of the New York Academy of Sciences, 347, 137–150.
  2. Ochberg, F. M. (1978): The victim of terrorism: Psychiatric considerations. Terrorism, 1(2), 147–168.
  3. Namnyak, M. et al. (2008): Stockholm syndrome: Psychiatric diagnosis or urban myth? Acta Psychiatrica Scandinavica, 117(1), 4–11.

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