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Therapieformen

DBT-Therapie

aktualisiert am · Redaktion Geistmagazin

Kurz gesagt

Die DBT-Therapie (Dialektisch-Behaviorale Therapie) ist ein von Marsha Linehan entwickeltes verhaltenstherapeutisches Verfahren, das Fertigkeiten zur Emotionsregulation vermittelt und vor allem bei Borderline-Störung und selbstverletzendem Verhalten eingesetzt wird.

DBT-Therapie – Symbolbild

Was ist DBT?

Die DBT-Therapie, ausgeschrieben Dialektisch-Behaviorale Therapie, wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren von der US-amerikanischen Psychologin Marsha Linehan entwickelt, zunächst für chronisch suizidale Patientinnen mit Borderline-Störung. Sie verbindet Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie mit Achtsamkeit und Akzeptanz aus der Zen-Tradition. „Dialektik“ bedeutet hier, scheinbare Gegensätze zu vereinen: Veränderung und Akzeptanz sind beide nötig. Man kann sich annehmen, wie man ist, und zugleich daran arbeiten, etwas zu ändern.

Mittlerweile existieren Anpassungen für andere Störungsbilder, etwa Essstörungen, Traumafolgestörungen, Substanzabhängigkeit und für Jugendliche (DBT-A).

Das Grundmodell: Biosoziale Theorie

Linehan erklärt die Störung als Zusammentreffen einer erhöhten emotionalen Empfindlichkeit (biologische Disposition) mit einem „invalidierenden Umfeld“, das Gefühle abwertet, ignoriert oder bestraft. Betroffene lernen dadurch nicht, Gefühle zu verstehen und zu regulieren. DBT setzt genau hier an: Es vermittelt Fertigkeiten (Skills) und fördert zugleich ein validierendes, also anerkennendes Verhältnis zu den eigenen Erfahrungen.

Die vier Skills-Module

ModulZielBeispielhafte Fertigkeiten
AchtsamkeitGegenwärtig wahrnehmen, ohne zu bewertenBeobachten, Beschreiben, Teilnehmen; wache Haltung
StresstoleranzKrisen überstehen, ohne die Lage zu verschlimmernAblenkung, Selbstberuhigung über die Sinne, „Skills bei hoher Anspannung“, radikale Akzeptanz
EmotionsregulationGefühle verstehen und verändernGefühle benennen, Verletzlichkeit senken, angenehme Aktivitäten, Gegenhandeln
Zwischenmenschliche FertigkeitenBeziehungen gestalten, Bedürfnisse vertretenWünsche äußern, Grenzen setzen, Selbstachtung wahren

Die Namen der Skills und Übungen unterscheiden sich je nach Schule und Manual. Die Module orientieren sich an den Arbeitsbüchern von Linehan (2015) und den deutschsprachigen Adaptationen.

Aufbau einer Behandlung

Eine klassische ambulante DBT besteht aus mehreren Bausteinen, die zusammenarbeiten:

  • Einzeltherapie (meist wöchentlich): Arbeit an Zielen, Analyse von Problemverhalten mit Verhaltensketten, Krisenplanung
  • Skills-Gruppe (meist wöchentlich, rund zwei bis zweieinhalb Stunden): Lernen und Üben der Fertigkeiten
  • Telefon- oder Kurzkontakt zwischen den Sitzungen in Krisen, je nach Setting
  • Konsultationsteam der Therapeutinnen und Therapeuten zur Unterstützung

Die Behandlung dauert oft ein Jahr oder länger. Stationäre DBT-Programme sind kürzer und intensiver (häufig mehrere Wochen) und werden bei schweren Verläufen oder zur Krisenstabilisierung genutzt.

Beispiel: Eine Patientin spürt nach einem Streit unerträgliche Anspannung und den Impuls, sich zu verletzen. In der Skills-Gruppe hat sie geübt, bei Spitzen der Anspannung kalte Reize zu setzen, intensive Bewegung zu machen und eine Vertrauensperson anzurufen. Danach analysiert sie mit ihrer Therapeutin, was den Streit ausgelöst hat und was sie künftig ändern kann.

Geschichte und Weiterentwicklung der DBT

Linehan begann ihre Arbeit mit der Beobachtung, dass reine Veränderungsstrategien der Verhaltenstherapie bei hochbelasteten Patientinnen oft als invalidierend erlebt wurden: Sie fühlten sich kritisiert, weil sie sich nicht schnell genug änderten. Die Ergänzung durch Akzeptanzstrategien, geprägt von Achtsamkeit und Zen, löste dieses Problem. Seit den 1990er-Jahren wurde DBT in Studien untersucht und in zahlreichen Ländern übernommen. Im deutschen Sprachraum wurde sie unter anderem durch Martin Bohus und Kolleginnen und Kollegen verbreitet und für stationäre Settings weiterentwickelt. Heute gibt es Programme für Jugendliche, für Angehörige und für Menschen mit Traumafolgen, zum Beispiel die DBT-PTSD.

Zentrale Prinzipien

  • Validierung: Das Erleben der Patientin wird als nachvollziehbar anerkannt, bevor Veränderung gefordert wird.
  • Verhaltensanalyse: Problemverhalten wird in Ketten zerlegt: Auslöser, Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen, Handlung, Folgen.
  • Dialektik: Gegensätze werden verbunden, etwa „Ich gebe mein Bestes und ich kann mehr tun“.
  • Hierarchie der Ziele: Erst Sicherheit (Suizidalität, Selbstverletzung), dann therapiegefährdendes Verhalten, dann Lebensqualität.

Ablauf einer Skills-Gruppe

In der Gruppe wechseln Besprechung der Übungen aus der Vorwoche und Einführung neuer Fertigkeiten. Meist beginnt eine Sitzung mit einer kurzen Achtsamkeitsübung. Hausaufgaben wie Diary Cards, auf denen Gefühle, Impulse und angewandte Skills vermerkt werden, begleiten die Therapie. Der Austausch mit anderen Betroffenen wird als entlastend beschrieben, weil man sich weniger allein fühlt. Zugleich verlangt die Gruppe Offenheit und Verlässlichkeit, damit alle voneinander profitieren.

Für wen ist DBT geeignet?

Hauptanwendungsgebiet ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung mit Selbstverletzung und Suizidalität. Auch bei Essstörungen mit Heißhungeranfällen, posttraumatischer Belastungsstörung nach Missbrauch, bei Substanzmissbrauch und bei Jugendlichen mit starken Gefühlsschwankungen werden angepasste Varianten eingesetzt. Voraussetzung ist die Bereitschaft, regelmäßig zu üben und die Behandlung über längere Zeit mitzutragen.

Merke: DBT ersetzt nicht das Verstehen der Biografie, sondern ergänzt es um konkrete Handwerkszeuge. Viele Betroffene beschreiben die Skills als hilfreich, weil sie in akuten Momenten wirken.

Wie gut ist DBT belegt?

DBT gehört zu den am besten untersuchten Verfahren bei Borderline-Störung. Eine Cochrane-Übersicht (Stoffers et al., 2012) fand Hinweise auf Wirksamkeit bei Borderline-Symptomen, Suizidalität, Selbstverletzung und Funktionsniveau. Die S3-Leitlinie empfiehlt DBT als störungsspezifisches Verfahren. Offen bleibt, welche Bausteine entscheidend sind und wie gut Effekte langfristig stabil bleiben. Auch für andere Störungsbilder liegen positive Studien vor, die Befundlage ist aber kleiner.

Abgrenzung zu verwandten Verfahren

VerfahrenGemeinsamkeitUnterschied
SchematherapieArbeit an Mustern und GefühlenSchematherapie fokussiert frühe Schemata und Modi; DBT stärker Skills und Verhaltensanalyse
ACTAkzeptanz und AchtsamkeitACT betont Werte und Handeln, DBT ein strukturiertes Skillstraining
Klassische KVTVerhaltensanalyse, ÜbungenDBT legt zusätzlich Wert auf Validierung und Dialektik

Wie finde ich einen DBT-Platz?

DBT-Angebote gibt es in Kliniken, Ambulanzen und bei niedergelassenen Psychotherapeutinnen mit entsprechender Zusatzqualifikation. Eine Übersicht bietet der Dachverband DBT. Wartezeiten sind teils lang. Erste Schritte sind ein Gespräch in der psychotherapeutischen Sprechstunde, die Beratung durch die Hausarztpraxis und die Terminservicestelle 116117. Bei akuter Krise gilt der Notruf 112.

Viele Betroffene erleben es als entlastend, dass die DBT ihre Gefühle ausdrücklich ernst nimmt und zugleich konkrete Fertigkeiten für schwierige Momente vermittelt. Das Üben dieser Skills im Alltag ist ein wesentlicher Teil des Erfolgs.

Fazit

DBT verbindet Akzeptanz und Veränderung und bietet konkrete Fertigkeiten für den Umgang mit starken Gefühlen. Sie gehört zu den wirksamsten Verfahren bei Borderline-Störung und ist für weitere Störungen weiterentwickelt worden.

Häufige Fragen

Wie lange dauert eine DBT?

Ambulante Programme dauern in der Regel etwa ein Jahr, häufig länger. Stationäre Programme umfassen meist mehrere Wochen.

Was sind Skills in der DBT?

Skills sind konkrete Fertigkeiten, etwa zur Stressbewältigung, Emotionsregulation und Beziehungsgestaltung. Sie werden in Gruppen vermittelt und im Alltag geübt.

Hilft DBT nur bei Borderline?

Sie wurde dafür entwickelt, wird aber auch bei Essstörungen, Traumafolgen, Abhängigkeit und bei Jugendlichen mit Gefühlsregulationsproblemen angewendet.

Zahlt die Krankenkasse eine DBT?

Verhaltenstherapie gehört zu den Richtlinienverfahren der gesetzlichen Krankenversicherung. DBT-Elemente werden im Rahmen einer Verhaltenstherapie angeboten; Details klärt man mit der Praxis und der Kasse.

Quellen

  1. Linehan, M. M. (1993): Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Guilford Press.
  2. Linehan, M. M. (2015): DBT Skills Training Manual, 2nd edition. Guilford Press.
  3. Stoffers, J. M. et al. (2012): Psychological therapies for people with borderline personality disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews, 8, CD005652.
  4. DGPPN et al.: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung (AWMF-Register-Nr. 038-015).

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