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Psychoanalyse

aktualisiert am · Redaktion Geistmagazin

Kurz gesagt

Die Psychoanalyse ist eine von Sigmund Freud begründete Theorie und Behandlungsmethode, die seelische Störungen aus unbewussten Konflikten und frühen Beziehungserfahrungen erklärt und durch Deuten und Bewusstmachen behandelt.

Psychoanalyse – Symbolbild

Was ist Psychoanalyse?

Die Psychoanalyse ist zugleich eine Persönlichkeits- und Entwicklungstheorie, eine Methode zur Erforschung des Seelenlebens und ein Behandlungsverfahren. Ihr Kerngedanke: Ein großer Teil des Erlebens und Verhaltens wird von Vorgängen bestimmt, die uns nicht bewusst sind. Wünsche, Ängste und Erinnerungen, die als unangenehm erlebt werden, wirken im Verborgenen und können sich in Symptomen, Träumen, Fehlleistungen oder Beziehungsmustern zeigen. Durch freie Assoziation, Deutung und die Arbeit an der Beziehung zur Analytikerin oder zum Analytiker sollen diese Zusammenhänge verständlich werden.

Begründer und Geschichte

Sigmund Freud (1856–1939), ein Wiener Neurologe, entwickelte die Psychoanalyse ab den 1890er-Jahren. Mit Josef Breuer veröffentlichte er 1895 die „Studien über Hysterie“. 1899 erschien (mit Datum 1900) die „Traumdeutung“, in der Freud Träume als Ausdruck verdrängter Wünsche beschrieb. Es entstanden Schulen, die von Freud abwichen: Alfred Adler begründete die Individualpsychologie, Carl Gustav Jung die analytische Psychologie. Später prägten Melanie Klein, Donald Winnicott und andere die Objektbeziehungstheorie, Heinz Kohut die Selbstpsychologie. In Deutschland wurde die Psychoanalyse nach dem Nationalsozialismus, der sie verfolgte, neu aufgebaut.

Zentrale Konzepte

BegriffBedeutung
Das UnbewussteSeelische Inhalte, die nicht im Bewusstsein sind, aber Erleben und Verhalten beeinflussen
InstanzenmodellEs, Ich und Über-Ich als Instanzen, die Impulse, Realität und Gewissen vertreten
AbwehrmechanismenSchutzstrategien des Ich, etwa Verdrängung, Projektion, Rationalisierung (siehe Abwehrmechanismen)
Triebe und EntwicklungPsychosexuelle Phasen und Konflikte wie der Ödipuskomplex
ÜbertragungGefühle aus früheren Beziehungen werden auf die Analytikerin übertragen
WiderstandUnbewusste Hemmungen gegen das Bewusstwerden belastender Inhalte

Viele dieser Konzepte haben heute vor allem historische und kulturelle Bedeutung. Die Triebtheorie und die Phasenlehre gelten als empirisch kaum haltbar, während die Bedeutung von unbewussten Prozessen und frühen Beziehungserfahrungen in der modernen Forschung (zum Beispiel zur Bindungstheorie) in anderer Form bestätigt wurde.

Beispiel: Eine Patientin träumt wiederholt davon, in einem Haus eingesperrt zu sein. In der Analyse fällt ihr auf, dass sie sich in Beziehungen häufig „eingeengt“ fühlt und zugleich Angst vor Verlassenwerden hat. Gemeinsam wird erkennbar, dass diese Spannung aus frühen Erfahrungen stammt. Dieses Verstehen eröffnet ihr neue Handlungsmöglichkeiten.

Wie läuft eine Psychoanalyse ab?

Die klassische Psychoanalyse findet mehrmals pro Woche statt, oft liegt die Patientin auf einer Couch, die Analytikerin sitzt dahinter. Die Methode der freien Assoziation fordert dazu auf, alles auszusprechen, was in den Sinn kommt. Die Analytikerin hört mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ zu und deutet Zusammenhänge. Die Behandlung dauert Jahre. In Deutschland ist die analytische Psychotherapie eine von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannte Leistung; sie umfasst im Regelfall bis zu 160, in begründeten Fällen bis zu 300 Sitzungen (analytische Psychotherapie). Eine kürzere Variante ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Merke: Psychoanalyse bezeichnet heute sowohl die Theorie als auch ein hochfrequentes Behandlungsverfahren. Im Alltag wird der Begriff oft auf die gesamte Tiefenpsychologie ausgeweitet, die in der Praxis breiter gefasst ist.

Bedeutung für Kultur und Wissenschaft

Die Psychoanalyse hat weit über die Medizin hinaus gewirkt. Literatur, Film, Kunst und Alltagssprache sind von Begriffen wie „Verdrängung“, „Fehlleistung“ oder „Ödipuskomplex“ geprägt. In den Sozialwissenschaften regte sie Debatten über Familie, Kultur und Gesellschaft an. Zugleich ist sie bis heute umstritten. Die Frage, wie viel von Freuds Theorien Bestand hat, wird in Fachkreisen unterschiedlich beantwortet: Das Konzept des Unbewussten ist in der Kognitionswissenschaft anerkannt, jedoch in anderer Form als bei Freud.

Wirksamkeit und Kritik

Studien zeigen, dass psychodynamische Verfahren bei verschiedenen Störungen wirksam sein können. Leichsenring und Rabung (2008) fanden in einer Metaanalyse Vorteile langfristiger psychodynamischer Psychotherapie bei komplexen Störungen; Shedler (2010) fasste Belege für anhaltende Effekte zusammen. Die Qualität der Studien schwankt, und für klassische mehrstündige Analysen gibt es weniger kontrollierte Studien als für kürzere Verfahren.

Kritik gibt es seit Langem. Der Philosoph Karl Popper bemängelte, die Theorie sei schwer widerlegbar und damit nicht wissenschaftlich im strengen Sinn. Weitere Kritikpunkte betreffen die Datenbasis (wenige Fallstudien), den Fokus auf Sexualität in der frühen Theorie, die Rolle der Therapeuten als Deutende und das Zeit- und Kostenaufwand der Behandlung. Befürworter betonen die Tiefe des Verstehens und die Weiterentwicklung der Theorie.

Psychoanalyse im Vergleich mit anderen Verfahren

VerfahrenSchwerpunktTypischer Umfang
PsychoanalyseUnbewusste Konflikte, Persönlichkeit, ÜbertragungMehrjährig, mehrere Sitzungen pro Woche
Tiefenpsychologisch fundierte TherapieAktueller Konflikt mit biografischem BezugBis ca. 60 Sitzungen
VerhaltenstherapieVerhalten, Denken, LernenMeist 24 bis 60 Sitzungen
GesprächstherapieWertschätzende Haltung, SelbstentwicklungIndividuell, in Deutschland nicht Kassenverfahren

Weiterentwicklungen in der Gegenwart

Moderne psychodynamische Ansätze sind empirischer und kürzer geworden. Die mentalisierungsbasierte Therapie, die übertragungsfokussierte Psychotherapie und die Interpersonelle Therapie verbinden analytische Ideen mit klar strukturierten Behandlungsplänen. Forschung wird zum Beispiel in der Psychotherapieforschung betrieben, die Wirkfaktoren wie die therapeutische Beziehung untersucht. In Ausbildung und Versorgung spielt die Psychoanalyse in Deutschland weiterhin eine wichtige Rolle, auch wenn die Verhaltenstherapie zahlenmäßig überwiegt.

Für wen eignet sie sich?

Analytische Verfahren kommen vor allem bei langjährigen, wiederkehrenden Störungen, Persönlichkeitsproblemen, komplexen Beziehungs- und Selbstwertthemen infrage, wenn jemand Zeit und Bereitschaft für eine intensive Selbstauseinandersetzung mitbringt. Für akute Krisen oder klar umschriebene Probleme sind andere Verfahren oft zeitgemäßer. Die Entscheidung sollte in einer Sprechstunde und probatorischen Sitzungen getroffen werden. Termine vermittelt die Terminservicestelle unter 116117.

Die Wirksamkeit der Psychoanalyse wird in Studien untersucht, wobei langfristige Effekte betont werden. Wer sich für diesen Weg interessiert, sollte sich in einem Erstgespräch Ablauf, Dauer und Frequenz erklären lassen.

Fazit

Die Psychoanalyse hat das Verständnis von Seelenleben, Kindheit und Beziehungen entscheidend geprägt, auch dort, wo ihre Annahmen überholt oder umstritten sind. Als Therapieverfahren ist sie wirksam, aber aufwendig. Ihre Grundideen leben in tiefenpsychologischen und psychodynamischen Ansätzen weiter.

Häufige Fragen

Wer hat die Psychoanalyse begründet?

Der Wiener Neurologe Sigmund Freud, ab den 1890er-Jahren. Spätere Vertreter wie Jung, Adler, Klein und Kohut entwickelten sie weiter.

Wie lange dauert eine Psychoanalyse?

Klassische Analysen dauern mehrere Jahre. Die Krankenkassen übernehmen im Regelfall bis zu 160, in Ausnahmefällen bis zu 300 Sitzungen.

Ist Psychoanalyse wissenschaftlich?

Teile der Theorie sind empirisch überprüfbar und bestätigt, andere gelten als überholt. Wirksamkeitsstudien stützen psychodynamische Verfahren, wobei die Studienlage uneinheitlich ist.

Was ist der Unterschied zwischen Psychoanalyse und Psychotherapie?

Psychotherapie ist der Oberbegriff für viele Verfahren. Psychoanalyse ist eines davon, mit besonderem Schwerpunkt auf unbewussten Prozessen.

Quellen

  1. Freud, S. (1900): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig und Wien.
  2. Breuer, J. & Freud, S. (1895): Studien über Hysterie. Franz Deuticke, Leipzig und Wien.
  3. Leichsenring, F. & Rabung, S. (2008): Effectiveness of long-term psychodynamic psychotherapy: A meta-analysis. JAMA, 300(13), 1551–1565.
  4. Shedler, J. (2010): The efficacy of psychodynamic psychotherapy. American Psychologist, 65(2), 98–109.

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