Milgram-Experiment
Kurz gesagt
Das Milgram-Experiment ist ein berühmter sozialpsychologischer Versuch von Stanley Milgram aus den 1960er-Jahren, der zeigte, dass viele Menschen Anweisungen einer Autorität bis zu scheinbar gefährlichen Elektroschocks befolgen.

Was war das Milgram-Experiment?
Der amerikanische Psychologe Stanley Milgram führte ab 1961 an der Yale University eine Reihe von Experimenten zum Gehorsam gegenüber Autorität durch. Anlass war der Eichmann-Prozess in Jerusalem, der die Frage aufwarf, wie gewöhnliche Menschen an Verbrechen mitwirken können. Milgram wollte prüfen, wie weit Menschen gehen, wenn eine Autoritätsperson es verlangt. Seine Ergebnisse, 1963 veröffentlicht, erschütterten die Öffentlichkeit und gehören bis heute zu den bekanntesten Studien der Psychologie. Zusammen mit dem Stanford-Prison-Experiment prägen sie das Bild der Sozialpsychologie.
Der Versuchsaufbau
Die Teilnehmenden wurden mit der Aussage geworben, an einer Studie über Lernen und Gedächtnis teilzunehmen. Per Los wurden sie als „Lehrer“ eingeteilt, während ein Mitarbeiter Milgrams (ein Schauspieler) die Rolle des „Schülers“ übernahm. Der Lehrer sollte dem Schüler bei Fehlern Elektroschocks mit steigender Spannung geben, von 15 bis 450 Volt, markiert mit Hinweisen wie „leichter Schock“ bis „Gefahr: schwerer Schock“. Tatsächlich gab es keine Schocks; der Schüler spielte die Reaktionen, klopfte an die Wand und verstummte schließlich. Der Versuchsleiter in grauem Kittel forderte den Lehrer bei Zögern mit Sätzen wie „Bitte fahren Sie fort“ oder „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen“ zum Weitermachen auf.
Ergebnisse
| Befund | Ergebnis |
|---|---|
| Standardversuch | Etwa 65 Prozent der Teilnehmer gingen bis zur höchsten Stufe (450 Volt) |
| Nähe zum Opfer | Je näher das Opfer, desto weniger Gehorsam |
| Nähe zur Autorität | Persönliche Anwesenheit des Versuchsleiters erhöhte den Gehorsam |
| Dissens | Weigerten sich andere „Lehrer“, sank der Gehorsam stark |
| Prestige des Ortes | Außerhalb der Universität etwas weniger, aber weiter hoch |
Milgram variierte den Versuch in mehr als 20 Varianten mit insgesamt über 700 Teilnehmenden. Er erwartete selbst einen deutlich niedrigeren Wert. Viele Teilnehmende zeigten starke Anspannung, schwitzten, lachten nervös und zögerten, machten aber dennoch weiter.
Wie wird das Ergebnis erklärt?
- Autoritätsgehorsam: Wer eine Anweisung als legitim erlebt, gibt Verantwortung ab. Milgram sprach vom „agentischen Zustand“: Man sieht sich als Ausführender fremder Wünsche.
- Schrittweise Eskalation: Kleine Schritte lassen den Abbruch schwerer fallen, da man sich schon festgelegt hat (Fuß-in-der-Tür).
- Situative Zwänge: Das Prestige der Universität, der Wissenschaftsanspruch und die vorgegebene Rolle.
- Widerspruch zwischen Gewissen und Gehorsam: Hohe innere Spannung, die durch Rechtfertigungen wie „Es dient der Wissenschaft“ gemildert wird (kognitive Dissonanz).
Kritik und neue Deutungen
Das Experiment wird seit Jahrzehnten kritisch diskutiert. Ethisch war es problematisch: Teilnehmende wurden getäuscht und erheblichem Stress ausgesetzt. Diese Kritik trug zur Einführung strenger Ethikrichtlinien für Forschung am Menschen bei. Methodisch bemängelte die Forschung, dass nicht alle Teilnehmenden die Situation glaubten; Auswertungen von Gina Perry (2012) und Archivstudien zeigen, dass der Versuchsleiter teils mehr Druck ausübte als vorgesehen und die Dokumentation lückenhaft ist. Die Ergebnisse zum Gehorsam konnten jedoch in Varianten bestätigt werden, zum Beispiel in einer Studie von Burger (2009), die bei 150 Volt abbrach. Zudem betonen Alex Haslam und Stephen Reicher, dass Teilnehmende sich nicht blind unterwarfen, sondern sich mit dem wissenschaftlichen Ziel identifizierten („engagierte Gefolgschaft“). Sie weisen darauf hin, dass der Gehorsam bei der Anweisung „Sie haben keine andere Wahl“ sogar abnahm.
Bedeutung heute
Das Milgram-Experiment wird in Lehrbüchern, in der Ausbildung von Pflege, Polizei und Militär sowie in Debatten über Verantwortung in Organisationen genutzt. Es hilft zu verstehen, warum Menschen in Hierarchien Anweisungen folgen und wie Widerstand gelingen kann: durch Rückhalt von Gleichgesinnten, klare Regeln für Verweigerung und das Bewusstsein eigener Verantwortung. Es ist kein Beleg dafür, dass Menschen zwangsläufig böse handeln, sondern ein Beispiel dafür, wie stark der Kontext wirkt.
Varianten und Wiederholungen
Milgram prüfte, welche Faktoren Gehorsam verändern. Wurde der Versuch in einem schlichten Büro statt an der Universität durchgeführt, sank die Quote leicht. War der Versuchsleiter nur telefonisch erreichbar, verweigerten mehr Teilnehmende. Wenn der Lehrer die Schocks nicht selbst auslöste, sondern nur assistierte, stieg der Gehorsam stark an: Verantwortung verteilt sich. Spätere Wiederholungen in anderen Ländern fanden ähnliche Muster, wenn auch mit unterschiedlichen Quoten. Aus ethischen Gründen sind vollständige Replikationen heute nicht mehr zulässig; Burger brach 2009 bei 150 Volt ab, weil die meisten, die diese Stufe überschritten, auch weitergingen.
| Variante | Wirkung auf Gehorsam |
|---|---|
| Versuchsleiter per Telefon | deutlich geringer |
| Teilnehmer nur assistierend | deutlich höher |
| Zwei weitere Lehrer verweigern | stark verringert |
| Autorität wirkt weniger legitim | geringer |
Verbindung zu anderen Forschungen
Das Experiment steht im Zusammenhang mit der Forschung zu Konformität (Asch), zur Verantwortungsdiffusion (siehe Bystander-Effekt) und zur Banalität des Bösen (Hannah Arendt). Es bildet ein Gegenstück zur Frage, wie Gruppen Verhalten lenken, wie sie im Eintrag Psychologie der Massen behandelt wird.
Fachlich bleibt wichtig, die Ergebnisse nicht als Entschuldigung für Fehlverhalten zu nutzen. Gehorsam erklärt Handeln, rechtfertigt es aber nicht; im Nürnberger Prozess und in späteren Verfahren zählte das Argument „Befehl ist Befehl“ nicht als Entlastung.
Die Studie wird bis heute in der Lehre genutzt, um zu zeigen, wie stark Situationen und Autoritäten Verhalten beeinflussen können. Sie mahnt, Anweisungen kritisch zu prüfen und Verantwortung nicht abzugeben. Kritiker betonen zugleich, dass viele Teilnehmende Zweifel äußerten und nicht alle bis zum Ende gingen.
Fazit
Das Milgram-Experiment bleibt ein Meilenstein der Sozialpsychologie. Trotz berechtigter Kritik zeigt es eindrucksvoll, wie Autorität und Situation das Verhalten prägen, und fordert dazu auf, Anweisungen zu hinterfragen.
Häufige Fragen
Wie viele Teilnehmer gingen im Milgram-Experiment bis 450 Volt?
Im Standardversuch etwa 65 Prozent der Teilnehmenden. In Varianten schwankte der Wert je nach Bedingungen stark.
Gab es im Milgram-Experiment echte Stromschläge?
Nein. Der Schüler war ein Schauspieler, die Schocks waren vorgetäuscht.
Warum ist das Milgram-Experiment umstritten?
Wegen der Täuschung und Belastung der Teilnehmenden sowie methodischer Zweifel, etwa wie viele die Situation für echt hielten.
Was lernt man aus dem Milgram-Experiment?
Autorität, schrittweise Steigerung und Situationsdruck beeinflussen Verhalten stark. Widerspruch durch Gleichgesinnte kann Gehorsam senken.
Quellen
- Milgram, S. (1963): Behavioral study of obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67(4), 371–378.
- Milgram, S. (1974): Obedience to Authority: An Experimental View. New York: Harper & Row.
- Burger, J. M. (2009): Replicating Milgram: Would people still obey today? American Psychologist, 64(1), 1–11.
- Haslam, S. A., Reicher, S. D. & Birney, M. E. (2014): Nothing by mere authority: Evidence that in an experimental analogue of the Milgram paradigm participants are motivated not by orders but by appeals to science. Journal of Social Issues, 70(3), 473–488.
Redaktion Geistmagazin · KI-gestützt erstellt, redaktionell zusammengestellt · Stand 21. Oktober 2026. Fehler entdeckt? Korrektur melden.




