Histrionische Persönlichkeitsstörung
Kurz gesagt
Die histrionische Persönlichkeitsstörung ist ein tiefgreifendes Muster übermäßiger Emotionalität und Aufmerksamkeitssuche, das sich in Beziehungen, Selbstdarstellung und Gefühlsausdruck zeigt und mit deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen einhergeht.

Was ist eine histrionische Persönlichkeitsstörung?
Das Wort „histrionisch“ leitet sich vom lateinischen „histrio“ (Schauspieler) ab. Menschen mit dieser Störung fallen durch dramatisches, theatralisches Auftreten, rasch wechselnde und oft oberflächliche Gefühle sowie ein starkes Bedürfnis auf, im Mittelpunkt zu stehen. Das Muster beginnt im frühen Erwachsenenalter, durchzieht viele Lebensbereiche und führt zu Problemen in Beziehungen und im Beruf. Von einer lebhaften, gesprächigen Persönlichkeit unterscheidet sich die Störung dadurch, dass das Verhalten starr, extrem und mit erheblichem Leid für die Person oder ihr Umfeld verbunden ist. Schätzungen zur Häufigkeit liegen meist bei etwa 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung; die Zahlen sind unsicher.
Klassifikation
In der ICD-10-GM wird sie unter F60.4 geführt. Die ICD-11 verzichtet auf einzelne Persönlichkeitsstörungstypen und beschreibt Persönlichkeitsstörungen nach Schweregrad (leicht, mittel, schwer) und Merkmalsausprägungen wie negative Affektivität, Distanziertheit oder Enthemmung. Das DSM-5-TR kennt die histrionische Persönlichkeitsstörung weiterhin als eigene Diagnose im Cluster B, zusammen mit narzisstischer, Borderline- und antisozialer Persönlichkeitsstörung.
Typische Merkmale
| Bereich | Beschreibung |
|---|---|
| Aufmerksamkeit | Unwohlsein, wenn man nicht im Mittelpunkt steht |
| Auftreten | Theatralisch, übertrieben im Gefühlsausdruck, Kleidung oder Verhalten lenkt Blicke |
| Gefühle | Rasch wechselnd und flach wirkend |
| Beziehungen | Werden als enger erlebt, als sie sind; schnelle Vertraulichkeit |
| Suggestibilität | Leicht beeinflussbar durch andere oder Umstände |
| Sprache | Eindrucksvoll, aber wenig detailliert |
Häufig wird verführerisches oder provokatives Verhalten beschrieben, das nicht immer bewusst ist. Betroffene erleben sich meist als gefühlsstark und bedürftig; hinter dem Auftritt stehen oft Unsicherheit und die Angst, nicht beachtet oder nicht geliebt zu werden.
Ursachen und Entstehung
Wie bei anderen Persönlichkeitsstörungen wirken mehrere Faktoren zusammen. Genetische und temperamentsbedingte Faktoren (starke emotionale Reaktivität) spielen eine Rolle. Erklärungsansätze aus der Entwicklungs- und Bindungsforschung betonen wechselhafte Zuwendung in der Kindheit: Aufmerksamkeit wurde nur bei Auffälligkeit gewährt, sodass Kinder lernen, durch Dramatik Zuwendung zu erhalten (Bindungstheorie). Psychoanalytische Konzepte sehen Bezüge zu ungelösten Konflikten und zu Abwehrmechanismen wie Verdrängung und Verleugnung (siehe Abwehrmechanismen). Soziale und kulturelle Faktoren beeinflussen, wann ein Verhalten als auffällig gilt.
Abgrenzung
Gegenüber der narzisstischen Persönlichkeitsstörung steht bei Histrionikern das Bedürfnis nach Zuwendung und Bestätigung im Vordergrund, bei Narzissten Größenideen und Anspruchsdenken. Bei der Borderline-Störung treten stärkere Instabilität des Selbstbildes, Selbstverletzung und intensive Verlassenheitsängste hinzu. Auch Depressionen, bipolare Störungen und Substanzkonsum können ähnliche Symptome hervorrufen. Häufige Begleiterkrankungen sind Depressionen, Angststörungen und somatoforme Störungen (siehe somatoforme Störung). Die Diagnose sollte nur durch Fachleute gestellt werden und lässt sich nicht aus Online-Checklisten ableiten.
Behandlung
Die Behandlung erfolgt in der Regel psychotherapeutisch. Wirksam können tiefenpsychologisch orientierte Verfahren, Schematherapie und kognitiv-behaviorale Ansätze sein; die Studienlage für die histrionische Störung selbst ist begrenzter als für Borderline. Ziele sind der Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls, die Wahrnehmung und Differenzierung eigener Gefühle, ein Umgang mit Zurückweisung und das Erproben echter Nähe. Eine gute therapeutische Beziehung ist zentral, da Betroffene Beziehungen oft intensiv, aber instabil gestalten. Medikamente haben keine eigene Indikation, können aber bei Begleiterkrankungen wie Depression eingesetzt werden. Hilfreiche Schritte sind Schematherapie sowie Gruppentherapie, in der Rückmeldungen über die Wirkung auf andere möglich sind.
Wann professionelle Hilfe?
Wenn wiederholt Beziehungen scheitern, Gefühle als überwältigend erlebt werden, Selbstzweifel oder Leere quälen oder Folgeerkrankungen wie Depressionen auftreten, sollte man Hausarzt, Psychotherapeutin oder Psychiater aufsuchen. Termine vermittelt die 116117.
Wie das Umfeld die Störung erlebt
Angehörige und Partner beschreiben häufig Erschöpfung durch emotionale Achterbahnfahrten. Zu Beginn wirkt die Person charmant und mitreißend, später können Eifersucht, Dramatisierung kleiner Anlässe und das Gefühl, ständig Bestätigung liefern zu müssen, belasten. Im Beruf eignen sich Betroffene oft für Tätigkeiten mit Menschenkontakt und Kreativität, haben aber Schwierigkeiten mit Routine, Kritik und Detailarbeit. Hilfreich für das Umfeld ist, Grenzen freundlich, aber klar zu ziehen, Gefühle ernst zu nehmen, ohne jede Dramatisierung zu verstärken, und die Person zur Behandlung zu ermutigen.
Geschichte des Begriffs
Der Begriff ist eng mit der früheren „Hysterie“ verbunden, die schon in der Antike beschrieben wurde und lange als Frauenleiden galt. Sigmund Freud und Josef Breuer untersuchten im späten 19. Jahrhundert hysterische Symptome (Studien über Hysterie, 1895). Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff zunehmend ersetzt, weil er abwertend und geschlechtsbezogen war. Das heutige Konzept trennt die Persönlichkeitsstörung von körperlichen Symptomen ohne organische Ursache, die als dissoziative oder somatoforme Störung eingeordnet werden.
| Früher | Heute |
|---|---|
| Hysterie | Histrionische Persönlichkeitsstörung, dissoziative Störungen, somatoforme Störungen |
| Wesenszug „Hysterikerin“ | Beschreibung von Verhaltensmustern ohne Geschlechtszuordnung |
Kritik am Konzept
Fachleute weisen darauf hin, dass die Diagnose geschlechtsspezifisch verzerrt sein kann und kulturabhängig ist, denn was als „übertriebene Emotionalität“ gilt, unterscheidet sich zwischen Gesellschaften. Außerdem überschneiden sich die Kriterien stark mit anderen Persönlichkeitsstörungen, weshalb die ICD-11 auf dimensionale Beschreibung umgestellt hat.
Wichtig ist außerdem, Betroffene nicht auf ihre Schwierigkeiten zu reduzieren: Viele verfügen über Wärme, Kreativität und Ausdrucksstärke, die sich in passenden Rollen gut entfalten.
Wer sich in Beschreibungen wiedererkennt, sollte nicht vorschnell urteilen, sondern ein diagnostisches Gespräch suchen.
Fazit
Die histrionische Persönlichkeitsstörung beschreibt ein Muster aus übersteigertem Gefühlsausdruck und starkem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Hinter der lebhaften Fassade steht oft große Unsicherheit. Mit Psychotherapie lassen sich Beziehungen und Selbstwert stabilisieren.
Häufige Fragen
Was ist die histrionische Persönlichkeitsstörung?
Ein überdauerndes Muster aus theatralischem Auftreten, wechselnden Gefühlen und ausgeprägtem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, das zu Problemen im Leben führt.
Ist Histrionik dasselbe wie Narzissmus?
Nein. Beide gehören zum Cluster B, doch bei der histrionischen Störung dominiert das Bedürfnis nach Zuwendung, bei der narzisstischen Störung Grandiosität und Anspruchsdenken.
Kann man die Störung behandeln?
Ja, vor allem mit Psychotherapie. Ziel ist, Selbstwert und Beziehungsfähigkeit zu stärken und Gefühle besser zu regulieren.
Sind eher Frauen betroffen?
In Praxis und Klischees ja, in Bevölkerungsstudien sind die Unterschiede geringer. Fachleute vermuten, dass Geschlechterstereotype die Diagnostik beeinflussen.
Quellen
- American Psychiatric Association (2022): DSM-5-TR, Histrionic Personality Disorder.
- World Health Organization: ICD-11, Persönlichkeitsstörungen (6D10). https://icd.who.int/
- Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M. H. (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F). Bern: Hogrefe.
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